Kunstprojekt bringt junge Menschen ins Museum

Mai 2020 – Gerade in der Zeit der Corona-Pandemie zeigt sich Mut machende Kraft und der Optimismus, die von Kunst auf die gesamte Gesellschaft übergehen können. Doch leider macht davon bisher nur ein Bruchteil der Bürger Gebrauch. Vielen, gerade jüngeren Menschen fehlt der Zugang zur Kultur. Genau das zu bewerkstelligen, war Ziel des zehnmonatigen Kunstprojekts „Studio 15/25“ in Flensburg, das die Kunststiftung der Hamburg Commercial Bank 2019 maßgeblich unterstützte.

Gemeinsam Kunstwerke schaffen

Gemeinsam Kunstwerke schaffen

Am Anfang stand ein großes Vorhaben und eine bange Frage: „Würde es gelingen, die schwierigste Zielgruppe für Museen überhaupt, nämlich Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 25 Jahren, als Museumsbesucher zu gewinnen?“ Dr. Michael Fuhr, Direktor des Museumsbergs Flensburg, liefert die Antwort nach dem zehnmonatigen Projekt aus dem vergangenen Jahr auf dem Fuß: „Ja, es ist uns gelungen, ein bis dahin verlorenes Image ins Wanken zu bringen und die in Fachkreisen sogenannte verlorene Generation wieder mit der Kunst zu versöhnen.“ Für Dr. Nicolas Blanchard, Chief Clients and Products Officer im Vorstand der Hamburg Commercial Bank und Kuratoriumsvorsitzender der Kunststiftung, ist das innovative Kunstprojekt ebenfalls ein voller Erfolg: „Das zeigen nicht nur die positiven Aussagen der jungen Menschen – 97 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer fanden die Workshops nach eigenen Worten, super‘. Knapp die Hälfte der Befragten hat durch die künstlerische Arbeit die Räumlichkeiten dieses Flensburger Museums überhaupt erstmals von innen gesehen.“ Die HCOB Kunststiftung für Schleswig-Holstein hat das „Studio 15/25“ mit einem hohen fünfstelligen Eurobetrag unterstützt.

„Die Workshop-Teilnehmer nahmen konkreten Einfluss auf die wachsende Ausstellung in den Projekträumen, indem sie in der Interaktion mit dem Künstler und der Gruppe eigene Werke erstellten und individuelle Ausdrucksmöglichkeiten entwickelten. Durch die Präsentation von Künstlerarbeiten direkt neben ihren eigenen wurden die Ergebnisse der Teilnehmer auf ein Niveau mit den Kunstwerken gestellt.“

Dr. Michael Fuhr, Museumsdirektor der Städtischen Museen Flensburg

Generation Z meidet klassische Kunst

Kunst und Kultur sind in Deutschland reichlich vorhanden – doch bleiben sie auf einen vergleichsweise kleinen Teil der Bevölkerung begrenzt. Nach Schätzungen von Wissenschaftlern werden Hochkulturveranstaltungen, zu denen auch Kunstausstellungen gehören, nur von maximal zehn Prozent der Deutschen regelmäßig genutzt. Außen vor sind dabei vor allem Jugendliche und Erwachsene im Alter zwischen 15 und 25 Jahren. Fuhr und sein Team vom Flensburger Museumsberg wollten das umkehren und riefen, mit großer finanzieller Unterstützung der Kunststiftung, das Projekt „Studio 15/25“ ins Leben. Auf Basis von Untersuchungen und Best-Practice-Beispielen von Museen aus Mexiko und Frankreich wurde der Versuch unternommen, „jungen Menschen etwas Besonderes zu bieten, das sie in der digitalen Welt nicht bekommen: Kontakt zu Kunstschaffenden und die Möglichkeit, selbst künstlerisch aktiv zu werden und gleichzeitig ihre Werke im Museum auszustellen“, sagt Fuhr.

Die positiven Ergebnisse machen Mut – den Organisatoren selbst, aber auch möglichen Nachahmern in anderen bundesdeutschen Museen, die die Flensburger Erfahrungen als Inspiration für eine gelungene Zusammenarbeit und für die Entwicklung eigener Formate für die junge Zielgruppe zugrunde legen können.

In insgesamt zehn Workshops, die jeweils gemeinsam von regionalen Künstlern und professionellen Kunstvermittlern geleitet wurden, entwickelten die jungen Menschen aus ihrem anfänglich scheuen Interesse am Thema Kunst über die Projektlaufzeit echte Leidenschaft. Zwei öffentlich zugängliche Räume im Hans-Christiansen-Haus am Museumsberg dienten während der gesamten zehn Monate als Atelier und Ausstellungsräume.

Fundamental für den Erfolg des Projekts ist seine Grundhaltung: Kunst ist demnach kein fertiges Projekt, das wie im längst überholten frontalen Schulunterricht vorgepaukt und kritiklos konsumiert werden sollte. Hinter Kunst und der eigenen Beschäftigung mit Kunst steckt vielmehr ein Lernprozess, der potenzielle Interessenten für zukünftige Aktivitäten gewinnt. Das Sicheinbringen, das Mitmachen, die aktive Teilhabe – das ist die eigentliche Idee hinter Kunst und speziell hinter dem Projekt „Studio 15/25“. „Die Workshop-Teilnehmer nahmen konkreten Einfluss auf die wachsende Ausstellung in den Projekträumen, indem sie in der Interaktion mit dem Künstler und der Gruppe eigene Werke erstellten und individuelle Ausdrucksmöglichkeiten entwickelten. Durch die Präsentation von Künstlerarbeiten direkt neben ihren eigenen wurden die Ergebnisse der Teilnehmer auf ein Niveau mit den Kunstwerken gestellt“, meint Museumsdirektor Fuhr. Ein weiteres Ziel des Projekts war es, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch die aktive künstlerische Auseinandersetzung mit Originalen an den Umgang mit Kunst heranzuführen. Sie lernten dabei nicht nur verschiedene Künstler kennen; sie konnten ihnen auch Fragen stellen und gemeinsam etwas erschaffen.

Zehn Workshops, zehn Formen von Kunst

Im ersten von zehn Wochenend-Workshops drehte sich alles um das Thema „Stadt.Raum.Zeit“. Unter fachkundiger Anleitung des Kieler Architekten Simon Kühl galt es, die komplett leeren Atelier- und Ausstellungsräume mit Leben und Farbe zu füllen. Lediglich zwei Baugerüste waren aufgebaut, um das Raumgefühl zu erleben. Das Ergebnis: ein bunter „Wohlfühlraum“ im Museum, der den Besuchern die Möglichkeit bot, sich hinzulegen, Musik zu gehören oder – Achtung: Jugendsprache – einfach zu „chillen“. Großer Mut und zupackendes Schaffen waren auch bei einem weiteren Workshop gefragt: „Alte Schinken übermalen“. Landschaftsbilder auf Flohmarktniveau wurden von den Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch pfiffige malerische Extras oder Collagetechniken zu modernen Hinguckern aufgepeppt. Beim Projekt „Don’t waste your time – treat your waste“ ging es darum, vermeintlichem Verpackungsabfall einer neuen Bestimmung zuzuführen. Aus Hasendraht wurden dafür zunächst Figuren geformt, die dann mit zuvor gesammelten Plastik-, Metall- und Papierabfällen verkleidet wurden. Noch näher ran an die Lebenswirklichkeit junger Menschen ging das Projekt „Selbstporträt statt Selfie“: Dabei entwickelten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Ideen für ein fotografiertes Gruppenbild, setzten sich aber viel stärker als beim täglichen Smartphone-Einsatz mit der Bildsprache und unterschiedlichen Perspektiven und Interpretationsmöglichkeiten auseinander – letztlich kam es so zu einem Hinterfragen inflationär eingesetzter Selfies.