Erneuerbare Energien 2020: Jahr der Weichenstellungen

Februar 2020 – Der Klimawandel ist derzeit das beherrschende Thema für Politik und Wirtschaft. Auf Windkraft und Photovoltaik ruhen große Hoffnungen. Doch für die heimischen erneuerbaren Energien lief das vergangene Jahr nicht gleichermaßen gut. Die Teilnehmer am „Neujahrsempfang 2020“ des Bundesverbandes Erneuerbare Energie, den die Hamburg Commercial Bank seit Langem als Sponsor unterstützt, erwarten vor allem klare Rahmenbedingungen durch die Politik.

Nils Driemeyer, Global Head Renewable Energy bei der Hamburg Commercial Bank, nimmt aus Anlass des „Neujahrsempfangs 2020“ des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE) mit mehr als 1.000 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft kein Blatt vor den Mund: „Für die deutsche Windkraft war 2019 ein Desaster.“ Nach Jahren des rasanten Wachstums und Zubaus ist die einstige Vorzeigebranche Windkraft an Land hart ausgebremst worden. Windkraft ist zwar heute die wichtigste Energiequelle in Deutschland. Doch über ihrer Zukunft hängt so manches Fragezeichen.

Windenergie

Gründe dafür gebe es viele, meint Energieexperte Driemeyer – von einzelunternehmerischen Fehlentscheidungen hin zu äußerst komplizierten und langwierigen Genehmigungsverfahren für Projekte an Land. Hinzu kommt eine regelrechte Klagewelle gegen neue Anlagen, mit der für die Initiatoren der Projekte eine weitere Unsicherheit verbunden ist. Auch der Plan des Bundeswirtschaftsministeriums, frische Anlagen nur noch im Mindestabstand von 1.000 Metern zu Siedlungen zu erlauben, drückt die Stimmung von Projektentwicklern und Investoren gewaltig.

Da tröstet es wenig, dass es zumindest auf offener See bei der Offshore-Windkraft zuletzt etwas besser läuft: Allein in der Nordsee stieg die produzierte Strommenge, die Windkraftwerke lieferten, 2019 um 21 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, meldete jüngst Netzbetreiber Tennet.

„2020 wird zum entscheidenden Jahr für die deutsche Windkraft.“

Nils Driemeyer, Global Head Renewable Energy Hamburg Commercial Bank

Windkraft hat die Kohle verdrängt

Auch Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE), mahnt: „Ein Masterplan für den eklatanten Einbruch bei der Windenergie an Land im Jahr 2019 wurde immer noch nicht vorgelegt.“ Ihre Stimme hat Gewicht. Als Dachverband der Erneuerbare-Energien-Branche in Deutschland bündelt der BEE die Interessen von 55 Verbänden, Organisationen und Unternehmen mit 30 000 Einzelmitgliedern, darunter mehr als 5 000 Unternehmen.

Die BEE-Präsidentin: „Es ist zwar ein großer Erfolg, dass 20 Jahre nach Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes mittlerweile mehr Strom aus erneuerbaren Energien als aus Stein- und Braunkohle in Deutschland erzeugt wird.“ Doch ausruhen dürfe sich die deutsche Politik auf diesem Zwischenziel nicht.

Wichtig sei es jetzt, dass das jüngst von der Kohlekommission bekräftige Ziel der Bundesregierung, erneuerbare Energien in der Stromversorgung bis 2030 auf 65 Prozent zu steigern, jetzt rasch mit einem verlässlichen Ausbaupfad unterlegt werde. Andernfalls drohe eine Ökostromlücke in der Stromversorgung.

„2020 wird zum entscheidenden Jahr für die deutsche Windkraft“, prophezeit Nils Driemeyer. Vor allem die Politik nimmt er in die Pflicht, verlässlichere Rahmenbedingungen für Investoren und Finanzierer zu setzen. „Schon jetzt bemerken wir ein signifikantes Umlenken von Kapitalströmen“, sagt Driemeyer.

Im Zuge der Krise bei der Windkraft hat sich eine andere Erneuerbaren-Branche dagegen wieder erholt: die Photovoltaik. Nachdem die üppigen, garantierten Einspeisevergütungen aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) für die Sonnenkraft radikal zusammengestrichen wurden, war der inländische Markt für Großprojekte nahezu zum Erliegen gekommen. Hinzu kamen spektakuläre Unternehmenspleiten wie die von Solarworld.

Windenergie: Anteil verschiedener Energiearten an der Nettostromerzeugung in Deutschland

Windenergie: wichtigste Energiequelle Deutschlands (Quelle: Fraunhofer Energy Charts; Werte gerundet)

Photovoltaik und Power Purchase Agreements auf dem Vormarsch

Umso mehr überrascht jetzt die Renaissance der Photovoltaik. Doch mit den einstigen Anlagen, die nur auf Basis von Subventionen wirtschaftlich betrieben werden konnten, haben die Kraftwerke von heute wenig gemein. Neue Anlagen sind tendenziell größer und kommen durch den technologischen Fortschritt der vergangenen Jahre inzwischen ohne eine Förderung über das EEG aus. Vielmehr werden derartige Projekte heute auf Basis von Marktpreisen in Verbindung mit sogenannten Power Purchase Agreements (PPA) realisiert, was innovative Finanzierungsmodelle notwendig macht und Partner auf Bankseite, die sich wie die Abteilung von Nils Driemeyer bereits seit Jahrzehnten mit erneuerbaren Energien beschäftigen und über eine ebenso breite wie tiefe Marktkenntnis verfügen.

Bei dem Thema PPAs ist die Hamburg Commercial Bank bereits seit vielen Jahren involviert und hat hier ein umfangreiches Know-how aufgebaut. Hinter diesen PPAs verbergen sich in der Regel direkte Abnahmeverträge zwischen einem Anbieter erneuerbarer Energien und einem Abnehmer, zum Beispiel einem großen Industrieunternehmen. Diese Deals haben beidseitige Vorteile: Die Produzenten verkaufen ihre produzierte Energie zu einem in der Regel festen Preis – und die Abnehmer erhalten nachweislich grünen Strom.

Die Deutsche Bahn, schon jetzt größter Ökostromverbraucher des Landes, hat beispielsweise Ende vergangenen Jahres europaweit ausgeschrieben, um künftig weitere 500 Gigawattstunden grünen Stroms im Rahmen von PPAs zu erwerben. Auf diese Weise will die Deutsche Bahn den Erneuerbare-Energien-Anteil im laufenden Jahr von zuletzt 57 auf 61 Prozent steigern. Vielleicht können heimische Windparks ja auch ihren Teil dazu beitragen. Dann könnte aus dem Desaster doch noch ein Happyend werden.

Deutsche Bahn, schon jetzt größter Ökostromverbraucher des Landes