Frische Brise am Markt für Windenergie

November 2020 – Schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie befand sich die deutsche Windenergiebranche in einer tiefen Strukturkrise. Das Gute jedoch: Die Unternehmen, die das Abflauen des Geschäfts überlebt haben, gehen gestärkt aus ihr hervor. Vor allem die Aussichten für das Offshore-Business bessern sich zusehends.

Im Dezember weht vor den Hamburger Messehallen meist eine besonders steife, kalte Brise. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der diesjährigen Leitmesse „WindEnergy Hamburg“ aus aller Welt werden davon in ihren gut beheizten Büros oder zum Büro umfunktionierten Homeoffices jedoch nichts mitbekommen. Wie fast alle Messen ist aus der WindEnergy Hamburg ein virtuelles Event geworden, das vom 1. bis 4. Dezember 2020 stattfindet.

Mann, blaues Hemd, weißer Helm steht vor einem Flügel eines Windrads

Handfeste Branchenkrise trotz Megawatt-Booms

An der Brisanz der besprochenen Themen wird die Virtualität der Tagung nichts ändern. Die weltweite und speziell die deutsche Windenergiebranche befinden sich am Scheideweg. Nach einem beispielhaften Boom – angefeuert vor allem von den durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz gesicherten Vergütungen für Strom aus erneuerbaren Energien – ist die Windenergiebranche hierzulande bereits 2019 faktisch zum Erliegen gekommen. Mancher Hersteller entlang der gesamten Wertschöpfungsstufen steckt in handfesten wirtschaftlichen Problemen; namhafte Konzerne haben sich aus ihren Engagements im Windbereich komplett verabschiedet. Der Preisverfall am Elektrizitätsmarkt hat die Krise zuletzt nochmals verschärft.

Dabei war 2019 eigentlich ein Jahr zum Feiern: Die Windenergie hatte die Braunkohle erstmals von Platz eins als wichtigsten deutschen Energieträger verdrängt. Dennoch wurden 2019 nur noch 325 Windenergieanlagen an den Küsten oder Hängen im Binnenland neu errichtet. 2002 waren es dagegen noch 2.328 neue Anlagen gewesen, zeigen Zahlen des Bundesverbandes WindEnergie und des Beratungshauses WindGuard GmbH.

Flaues Geschäft

Zubau und Gesamtentwicklung bei Onshore-Windenergieanlagen in Deutschland seit 2000

Zubau und Gesamtentwicklung bei Onshore-Windenergieanlagen in Deutschland seit 2000

Quelle: Bundesverband WindEnergie; WindGuard GmbH

Ein weiterer Grund für die Misere neben dem Rückgang bei der gesetzlich gesicherten Vergütung ist die zunehmend kritischere Haltung in Teilen der Gesellschaft und der Politik gegen neue Windenergieanlagen – besonders in der Nähe bebauter Gebiete und in Gebieten, in denen Vogelschutzarten vorkommen. Den zum Erliegen gekommenen Zubau an Land spüren alle Marktteilnehmer: die Hersteller von Windenergieanlagen, Zulieferer, , Projektierer, Planer, Windgutachter, Anwälte, Wirtschaftsprüfer, technische Gutachter und Investoren.

„Auch 2020 wird für die deutsche Windenergiebranche kein besseres Jahr werden“, dämpft Inka Klinger, Global Head of Infrastructure Project Finance bei der Hamburg Commercial Bank, den Optimismus für eine schnelle Erholung im Stil der vielzitierten „V”-Konjunkturkurve. Doch viel wichtiger als die Gegenwart ist in der Wirtschaftswelt stets die Zukunft. Und hier mehren sich im Vorfeld der Hamburger Windmesse die positiven Signale.

Ein Flügel eines Windrades auf einem Lastwagen unterwegs auf einer Straße

Offshore-Parks als großes Versprechen

Der regelmäßig erhobene „Windenergy trend:index“ meldet bei der jüngsten Onlinebefragung unter rund 7.500 Marktteilnehmern aus der On- und Offshore-Industrie erstmals wieder eine allgemein bessere Laune. „Die Aussicht auf die Zukunft des internationalen Windmarkts ist weltweit gut und steigt weiter an. Auch die Zukunft des deutschen Markts wird zum ersten Mal seit einem Jahr wieder positiv bewertet“, heißt es in der Auswertung der Befragungsergebnisse.

Auch die Bundesregierung trägt zur Stimmungsverbesserung ihren Teil bei: Das geplante „Windenergie-auf-See-Gesetz“ des Bundeswirtschaftsministeriums setzt ambitioniertere Ziele für den Ausbau der Offshore-Windenergie: Bis 2030 sollen statt bisher 15 nun 20 Gigawatt (GW), bis 2040 dann 40 GW Leistung errichtet werden. Aktuell sind es rund 7,5 GW, die Windräder auf offener deutscher See jährlich an Strom erzeugen. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier: „Mit der Zielerhöhung für Windanlagen auf See ist klar, dass Deutschland ein führender Markt für die Offshore-Windenergie bleiben wird. Wir geben mit den klaren Langfristzielen Planungs- und Investitionssicherheit.“

„Auch die Nachfrage durch Kommunen oder städtischer Versorger nach Windenergieanlagen vor der eigenen Tür zur Stillung des eigenen Energiebedarfs zieht spürbar an.“

Inka Klinger, Global Head of Infrastructure Project Finance bei der Hamburg Commercial Bank

Noch größere Ziele hat die Europäische Union. Laut einem internen Papier, aus dem das „Handelsblatt“ jüngst zitiert, sollen bis zum Jahr 2050 Offshore-Windparks vor Europas Küsten eine Gesamtleistung von 300 Gigawatt liefern. Das entspricht der Leistung von etwa 450 Atomreaktoren oder von 450 großen Kohlekraftwerksblöcken.

Neuer Aufwind auch an Land. Peter Altmaier, der einst selbst mit der 1.000-Meter-Abstandsregel den binnenländischen Bau neuer Windkraftanlagen erschwert hatte, setzt nun wieder vermehrt auf windreiche Standorte zwischen Nordseeküsste und Alpenvorland. Vom „Investitionsbeschleunigungsgesetz“ verspricht sich die Bundesregierung einen verstärkten Ausbau von Windenergie an Land.

Selbst die Klagewelle gegen den Neubau der modernen Windenergieanlagen dürfte abflachen. Dafür sorgen deutlich verschlankte Rechtswege, die Investoren und Projektierern mehr und schneller Klarheit verschaffen. „Auch die Nachfrage durch Kommunen oder städtischer Versorger nach Windenergieanlagen vor der eigenen Tür zur Stillung des eigenen Energiebedarfs zieht spürbar an“, registriert Marktexpertin Inka Klinger. Hinzu kommt ein wachsendes Interesse an festen Stromlieferverträgen: Immer mehr Unternehmen, die etwas für die Klimabilanz tun und ihre Büros, Fabriken oder Rechenzentren mit grünem Strom versorgen möchten, schließen direkte Abnahmeverträge mit einzelnen Windparks. Besonders auf solche Geschäfte haben sich die Erneuerbare-Energien-Experten der Hamburg Commercial Bank in den vergangenen Jahren spezialisiert – neben allen anderen Finanzierungsspielarten im Windgeschäft. Inka Klinger: „In diesem Bereich ist derzeit besonders viel institutionelles Kapital unterwegs. Wir als Marktkenner und Mittler knüpfen dabei die Bande zwischen Anlagenbetreibern und Investoren.“