„Corona-Krise: keine schnelle Erholung in Sicht“

Juni 2020 – Deutschland kämpft 2020 mit der schwersten Rezession der Nachkriegszeit. Wie lange wird es dauern, bis sich das Land vom Corona-Schock erholt hat? Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank, gibt erst mittelfristig Entwarnung und prophezeit einen fundamentalen Wandel bei der Organisation der Globalisierung. Dieses Interview ist eine gekürzte Fassung eines längeren Gesprächs, das die Redaktion der „Handelsblatt-Finanzberater-Edition“ jüngst mit de la Rubia führte.

Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank
Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank

Herr Dr. de la Rubia, Hand aufs Herz, wie schlecht steht es um die globale und speziell die deutsche Wirtschaft?

Wir befinden uns in der schwersten Rezession der Nachkriegszeit, und wenn wir diese Krise so gut überstehen wie die Wirtschafts- und Finanzmarktkrise von 2008, können wir uns bereits glücklich schätzen.

Mit welchen prozentualen Wachstumseinbußen rechnen Sie hierzulande und weltweit in diesem Jahr? Und wie könnte es 2021 weitergehen?

Ich erwarte für Deutschland einen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr von um die sieben Prozent. Für 2021 rechne ich mit einem deutlichen Aufschwung der Wirtschaft. Allerdings erwarte ich anders als manch anderer keine sehr schnelle Erholung. Frühestens Ende kommenden Jahres sehe ich die deutsche Wirtschaftskraft wieder ungefähr auf dem Niveau vor Ausbruch der Pandemie. Und das alles funktioniert auch nur unter der Bedingung, dass die Infektionszahlen jetzt wirklich abebben, die Lockerungsmaßnahmen seit Anfang Mai Bestand haben und nicht neuerliche Lockdowns das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben abermals lahmlegen.

Was erwarten Sie für den Rest der Welt?

Für die Weltwirtschaft bin ich vorsichtig optimistischer, da sich viele Schwellenländer auf deutlich höheren Wachstumspfaden befinden als Deutschland: Für die globale Wirtschaft erwarte ich unter dem Strich für das laufende Jahr „nur“ einen Rückgang um drei bis 3,5 Prozent. Das ist verglichen mit der Wirtschafts- und Finanzkrise von 2009 aber immer noch eine gewaltige Einbuße: Damals schrumpfte die Weltwirtschaft nur um 0,1 Prozent.

In den Jahren vor der Krise war China für rund 40 Prozent des gesamten Wirtschaftswachstums in der Welt verantwortlich. Hängt die Erholung der Weltkonjunktur damit entscheidend davon ab, wie schnell in China, dem Ursprungsland der Pandemie, wieder Business as usual gilt?

In der Tat spielt China – neben den Vereinigten Staaten – eine entscheidende Rolle für die Rückkehr zur wirtschaftlichen Normalität vor Corona. Gerade die deutsche Wirtschaft mit ihrer hohen Exportabhängigkeit wird kaum in Schwung kommen, wenn sich nicht zugleich die europäischen Nachbarstaaten wie Frankreich erholen und besonders auch die Nachfrage aus den USA und China wieder zunimmt. Insofern stimmt es mich optimistisch, dass uns China im Zurückdrängen der Pandemie um Monate voraus ist und dabei nach allen Berichten weitere große Fortschritte macht. Doch die Einbrüche im ersten Quartal in China waren gewaltig. Das ist nicht so schnell wettzumachen. Dazu kommt: China allein wird den Karren nicht wieder aus dem Dreck ziehen können. China ist engstens mit der Weltwirtschaft verflochten und abhängig davon, dass das globale Wachstum wieder in Schwung kommt. In diesem Jahr wird die chinesische Wirtschaft bestenfalls um ein Prozent zulegen – das bedeutet immer noch einen riesigen Einbruch verglichen mit den Wachstumsraten vergangener Jahre, in denen Zuwächse beim Bruttoinlandsprodukt von sechs oder sieben Prozent den Normalfall markierten.

Wie geht es an den Finanzmärkten weiter?

Wenn ich die Aktienmärkte betrachte, habe ich den Eindruck, dass die Anleger derzeit nach einem Boden suchen. Manche wagen sogar schon wieder den Einstieg, während in den ersten Wochen der Krise im März alle nur eines wollten: raus aus den Wertpapieren. Doch für eine breite Erholung und damit einen Wiedereinstieg ist es nach meiner Befürchtung etwas zu früh. Denn die richtig katastrophalen Wirtschaftsdaten kommen jetzt im Verlauf des zweiten Quartals erst noch rein. Das wird sicher nochmals auf die Notierungen drücken und beim Dax erneut für Kurse unterhalb der 10.000er-Marke sorgen. Die Aktienmärkte sind ohnehin nur eine begrenzt aussagekräftige Quelle, um die weitere Konjunkturentwicklung in der Realwirtschaft vorherzusagen. Nach wie vor sehr wichtig ist auch der Ölmarkt. Dort herrscht aktuell ein großer Pessimismus vor: Die Nachfrage ist um 25 bis 30 Millionen Barrel pro Tag eingebrochen – und mit ihr der Preis für Rohöl. Das dürfte einige Zeit so anhalten. Auch die Anleihenmärkte sind ein Indikator für die weitere Konjunkturentwicklung. Und der Blick hierhin zeigt, dass die Renditen seit geraumer Zeit wie festgenagelt sind – von Konjunkturoptimismus keine Spur.

Ölraffinerie

Sind Sie mit dem Krisenmanagement der Politik in Deutschland zufrieden?

Die Politik, auf Bundes- wie auf Länderebene, macht derzeit vieles richtig. Es ist wichtig, im ersten Schritt die Produktionskapazitäten aufrechtzuerhalten, bis hoffentlich eines nicht allzu fernen Tages die Binnen- wie die Auslandsnachfrage wieder anziehen. Insofern sind die gewählten Rezepte wie das Kurzarbeitergeld, die Liquiditätskredite oder notfalls auch (Teil-)Verstaatlichungen die richtigen Mittel. Die Hilfen sind großzügig, gleichzeitig hat die Politik aber auch Notbremsen eingeführt. Denn es kann nicht Sinn und Zweck sein und würde auch die Staatskassen sprengen, wirklich jedes Unternehmen retten zu wollen. Das betrifft jene Firmen, die bereits vor Corona finanzielle Probleme hatten und anfällige Geschäftsmodelle aufwiesen. Kritisch bewerte ich allerdings den wachsenden Widerstand in der Bundesregierung, notleidenden europäischen Nachbarstaaten zu helfen. Wir benötigen eine Art europäischen Wiederaufbaufonds. Es ist uns bei der großen Abhängigkeit gerade des deutschen Mittelstands vom übrigen Europa nicht geholfen, wenn nur Deutschland sich erholt, aber der wichtige Absatz- und Produktionsstandort Italien beispielsweise jetzt ein ähnliches Schicksal erleidet wie Griechenland vor knapp zehn Jahren.

EU-Flagge wehend

Immer mehr Politiker, Wissenschaftler, aber zunehmend auch Lobbyisten etwa aus dem Bereich der erneuerbaren Energien fordern einen New Deal und eine neue Wirtschaftsordnung nach Corona: grüner, klimafreundlicher, gemeinwirtschaftlicher. Spricht nicht in der Tat viel dafür, die Wirtschaftsstruktur, die jetzt teils in Scherben liegt, gleich komplett neu zu modellieren statt auf Staatsgeld komm raus die Zustände vor Corona wiederherstellen zu wollen?

Der Gedanke an sich birgt in der Tat einigen Charme, besonders mit Blick auf Nachhaltigkeit und den Schutz des Klimas. Doch zum einen war ja bei Weitem nicht alles schlecht vor Corona. Und zum anderen würde uns das zum jetzigen Zeitpunkt überfordern. Im ersten Schritt geht es darum, wie beschrieben die Produktionskapazitäten aufrechtzuerhalten. Und dafür zu sorgen, dass aus der realwirtschaftlichen Krise keine Finanzmarktkrise resultiert – weil die Zahl der notleidenden Kredite in den Bilanzen der Geschäftsbanken steigen wird. Daran muss sich dann aber im dritten Schritt in vielen Branchen in der Tat ein schneller Wandel bei Technologien und Grundhaltungen einstellen. Und dabei könnte auch die öffentliche Hand durch einen klugen Mix aus Angebots- und Nachfragepolitik gezielt fördern – ich denke dabei neben der Klima- und Energiewende vor allem an die Bereiche Digitalisierung und Bildung .

Wird der deutsche Mittelstand, wenn er überlebt, nach der Krise so weiterwirtschaften können wie bisher?

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, welche Folgen es hat, wenn sich ganze Branchen auf nur wenige Zulieferer verlassen. Wenn diese dann ausfallen, weil ein Virus die Produktion in einer Region lahmlegt, brechen gleich ganze Lieferketten und Kreisläufe zusammen. Diese Lehre dürften Mittelständler und Konzerne sicherlich ziehen: Sie müssen ihr Lieferantennetz wieder vergrößern. Sie werden nicht nur größere Lager aufbauen, sondern auch beim Einkaufsmanagement viel mehr diversifizieren und künftig auf fünf oder sieben Zulieferer setzen statt wie bisher auf nur einen oder zwei.

Aber ein Ende der Globalisierung wie manch anderer befürchten Sie nicht?

Nein, wir werden auch weiterhin auf Arbeitsteilung setzen und beispielsweise Vorleistungen aus China oder Malaysia beziehen. Nur werden die Unternehmen tunlichst darauf achten, in diesen Regionen auch weitere Zulieferer zu gewinnen und zusätzlich vor der eigenen Haustür regionale Zulieferer an sich zu binden. Zudem werden die Logistikketten vielfältiger werden: Unternehmen sollten sich nicht von einem Transportweg abhängig machen und werden künftig etwa gleichzeitig auf Schiffscontainer und Frachtlieferungen per Flieger setzen, soweit es die Produkte erlauben.

Kind schreibend. Auf dem Tisch Tablet und Smartphone.