Infrastrukturprojekte als sicherer Hafen in turbulenten Zeiten

Mai 2020 – Trotz oder auch gerade wegen der extremen Auswirkungen der Corona-Pandemie speziell auf die deutsche Volkswirtschaft bleiben Investoren selektiv auf der Suche nach ebenso rentablen wie stabilen Anlagemöglichkeiten. Vor allem Infrastrukturprojekte geraten da verstärkt ins Blickfeld, auch wenn sich die Projekte aktuell durchaus verzögern oder vorerst ganz zurückgestellt werden. Neben Private-Equity-Fonds haben vor allem internationale Pensionskassen diese Asset-Klasse für sich entdeckt. Doch für den maximalen Cash-Ertrag und Renditeerfolg braucht es auf der Fremdkapitalseite den richtigen Partner und die richtige Finanzierungsstruktur.

Autotrasse

Wer nach einem in Stahl und Beton gegossenen Symbol für den teils sehr schlechten Zustand der bundesdeutschen Infrastruktur sucht, kommt an der den Rhein querenden Autobahnbrücke im rheinischen Leverkusen nicht vorbei. Die sechsspurige Brücke der Bundesautobahn 1 ist eine der meist befahrenen Autobahnbrücken Europas. Doch 50 Jahre Schwerlastverkehr, dazu die Hunderttausende an Berufspendlern jeden Tag haben der Brücke schweren Schaden zugefügt. Seit November 2012 ist sie aufgrund von Rissen in der Stahlkonstruktion für Fahrzeuge mit einem zulässigen Gesamtgewicht von mehr als 3,5 Tonnen gesperrt. Autos und kleinere Transporter dürfen zudem nur noch mit Tempo 60 über die Brücke rollen. Bis Abhilfe naht, werden Jahre vergehen. Zumal die Arbeiten am Brückenneubau gerade ins Stocken geraten sind: Der aus China gelieferte Stahl für zentrale Bauträger weist erhebliche Qualitätsmängel auf.

Großer Investitionsstau gleich große Investitionschance

Leverkusen ist leider kein Einzelfall: Deutschlands Brücken befinden sich insgesamt in einem erbarmungswürdigen Zustand. Das Bundesverkehrsministerium will nun in den kommenden Jahren für Milliardenbeträge mehr als drei Millionen Quadratmeter Brückenflächen sanieren.

Infrastruktur | Brückenpfeiler mit Streben

Jede Krise birgt aber auch ihre Chancen: Da der Modernisierungs- und Nachholbedarf in der europäischen und vor allem der deutschen Infrastruktur so groß ist und die öffentlichen Kassen vor allem in der Nach-Corona-Zeit noch deutlich leerer sein dürften, bieten sich institutionellen Investoren hier gute Chancen. Aktuell konzentrieren sich die Bundesregierung und die Landesregierungen auf die Unterstützung von mittelständischen Unternehmen und Konzernen sowie ihrer Mitarbeiter, die aufgrund des Corona-bedingten Shut-Downs in Schieflage geraten sind. Das erfordert auf längere Sicht fast die gesamte Aufmerksamkeit und die Ressourcen der bundesdeutschen Wirtschafts- und Finanzpolitik. Für aufwendige Infrastrukturprojekte dürfte da weniger Geld als zuletzt geplant zur Verfügung stehen. „Das ändert jedoch nichts an der Notwendigkeit von Investitionen – eine marode Brücke bleibt eine marode Brücke. Künftig müssen wichtige Infrastrukturprojekte noch stärker mit privatem Kapital finanziert werden“, sagt Inka Klinger voraus. Sie ist Global Head of Infrastructure bei der Hamburg Commercial Bank. „Der große Vorteil von Infrastrukturprojekten sind die grundsätzlichen langen Laufzeiten derartiger Projekte und damit die entsprechende Kalkulationsgrundlage für Investoren und Eigen- oder Fremdkapitalgeber. Finanzierungslaufzeiten variieren jedoch stark nach Art der Projekte. Je nach Assetklasse nehmen wir auch häufig deutlich kürzere Finanzierungslaufzeiten von unter 10 Jahren war“, sagt Inka Klinger.

Kapital ist nach wie vor ausreichend vorhanden – auch und weil Investoren im Niedrigzinsumfeld immer weniger Alternativen haben. Grundsätzlich stehen dreistellige Milliardenbeträge für Infrastrukturmaßnahmen zur Verfügung. Ob sich sämtliche Projekte in der Zukunft nach wie vor so günstig wie in der Vergangenheit umsetzen lassen, muss aktuell jedoch infrage gestellt werden. „Nach Corona wird sich eine neue Realität entwickeln. Das dürfte für Gestehungskosten als auch für Finanzierungen gelten, da Risiken neu bewertet werden müssen“, urteilt Inka Klinger.

Haupttreiber für den Infrastrukturmarkt sind neben dem Verkauf von Infrastrukturanlagen („Brownfield-Investments“) vielfach auch Refinanzierungen, etwa für Wachstums- oder Erweiterungsinvestitionen in bestehende Projekte. Der Aufbau neuer Projekte – in der Fachsprache „Greenfield-Investments“ genannt – „ist dagegen noch eher die Ausnahme, da sie eine andere Herangehensweise und Anforderungen an die Analyse bedeutet“, sagt Klinger.

Neue Nachfrager kommen an den Markt

Während in den 1990er- und 2000er-Jahren vor allem große Investmentbanken, riesige Pensionskassen oder Staatsfonds aus Norwegen, dem Mittleren Osten oder Singapur den Infrastrukturmarkt für sich entdeckt hatten, sind es seit einigen Jahren vermehrt auch Versicherer, Private-Equity-Geldgeber oder auch kleinere Pensionskassen, Funds of Funds oder Family Offices. Das Infrastrukturgeschäft wird auf der Nachfrageseite damit immer granularer. „Zugleich werden die sogenannten ESG-Kriterien bei der Auswahl der konkreten Projekte immer wichtiger. Es wird verstärkt auf Umweltaspekte, die Einhaltung sozialer Kriterien und die Governance geachtet. Das gilt sowohl für Investoren als auch für Banken“, sagt Klinger.

Die „neuen“ Infrastrukturinvestoren sind nach ihren Worten deutlich realistischer in Sachen Rendite. Während Private-Equity-Investoren einst mit Erträgen von jährlich rund 20 Prozent kalkuliert hätten, würden sich institutionelle Investoren heute mit deutlich weniger zufrieden geben – und auch zufrieden geben müssen. „Die Stabilität von Cashflows ist ein Indikator für den Risikogehalt der Transaktionen und den Anspruch an das Renditeniveau. Je stabiler die Cashflows ausfallen, desto geringer ist der Renditeanspruch“, beobachtet Klinger.

Infrastrukturtransaktionen in Europa auf dem Vormarsch (Transaktionsvolumen in Milliarden US-Dollar)

Infrastrukturtransaktionen in Europa auf dem Vormarsch [Transaktionsvolumen in Milliarden US-Dollar (Quelle: inframotionews.com)]

Hohe Stabilität, geringe Ausfälle und nachhaltige Renditen im Vergleich zu anderen Anlageklassen: Das sind die Vorzüge von Infrastrukturinvestments. Auf der Gegenseite steht allerdings, dass auch die Bewertungen aufgrund der erhöhten Nachfrage angezogen haben und Strukturen schwächer werden. Nicht mehr jedes Infrastrukturprojekt wird per se zum Erfolg. Während Investoren traditionell auf Flughäfen, Häfen, Eisenbahninfrastruktur oder Kraftwerke und Erneuerbare-Energie-Anlagen setzten, geraten jetzt neue Assets in den Fokus: der Breitbandausbau, Datencenter, Funktürme, District Energy oder Storage, aber auch Dienstleistungsangebote rund um Smart Meter und Smart Cities sowie soziale Infrastruktur. Durch den Klimawandel werden sich künftig auch verstärkt Investitionen rund um das Thema „Wasser“ drehen. Dazu gehören Modernisierungen von Abwasseranlagen, Anlagen zur Klärschlammverbrennung oder auch Meerwasserentsalzungsanlagen. In all diesen nachhaltigen Segmenten verfügen die Experten der Hamburg Commercial Bank über tiefes Spezial-Know-how. „Das Thema Breitband verfolgen wir beispielsweise bereits seit sieben Jahren und zählen uns daher in diesem Thema zu den Pionieren in Deutschland“, sagt Inka Klinger.

„Das Thema Breitband verfolgen wir beispielsweise bereits seit sieben Jahren und zählen uns daher in diesem Thema zu den Pionieren in Deutschland“

Inka Klinger, Global Head of Infrastructure bei der Hamburg Commercial Bank

Bei vielen institutionellen Investoren ist der Geldbeutel gut gefüllt. Dennoch macht Fremdkapital als Leverage-Instrument viel Sinn, um die Eigenkapitalrendite zu erhöhen und um größere Finanzierungsvolumina zu ermöglichen. „Die Relation zwischen Eigen- und Fremdkapital schwankt je nach Risikogehalt zwischen zehn zu 90 – etwa bei Public-Private-Partnerships – bis hin zu 50 zu 50 je nach Marktrisiko und Stabilität der Cashflows. Der maximale Leverage steht nicht mehr unbedingt im Fokus“, berichtet Marktkennerin Klinger. Banken wie der Hamburg Commercial Bank kommt bei allen Infrastrukturprojekten die Rolle des Intermediärs zu: als Berater, Arrangeur, aber auch beim Einwerben weiterer Investoren. Die Hamburg Commercial Bank ist seit Jahrzehnten in diesem besonderen und immer wichtigeren Markt aktiv – und gehört europaweit zu den Top 15 der Finanzierer in der Infrastruktur. Allein 2019 hatte die Hamburg Commercial Bank einen Kreditbestand von rund sechs Milliarden Euro [inkl. Renewables] in den Büchern. Sie konzentriert sich nach wie vor auf Europa, begleitet ihre Kernkunden selektiv jedoch auch außerhalb dieser Märkte.