Lebensmitteleinzelhandel: Die stationären Geschäfte trotzen dem Corona-Virus

Juni 2020 – Die Corona-Pandemie rüttelt auch den deutschen Lebensmittelmarkt durcheinander. Gastronomie, Großküchen und andere Großverbraucher sind von den behördlichen Corona-Beschränkungen vielfach existenziell betroffen und mit ihnen leidet auch der Lebensmittel-Großhandel. In Zeiten von Homeoffice, Kurzarbeit und Kontaktbeschränkungen wird wieder zuhause gekocht und gegessen – und hiervon profitiert der Lebensmitteleinzelhandel. Der Onlinevertrieb von Lebensmitteln führt unverändert ein Nischendasein, und Lieferdienste bleiben ein städtisches Phänomen. Der größte Gewinner der Corona-Krise ist ein alter Bekannter: der stationäre Lebensmitteleinzelhandel.

Kartonlieferung Handel

Maskenvorschrift, Einlasskontrollen, Abstandsstreifen auf dem Boden, leergeräumte Regale, sogar Rangeleien vor manchen Supermarktkassen: Das Einkaufserlebnis beim täglichen Lebensmittelkauf in den Geschäften hält sich seit Ausbruch des Corona-Virus sehr in Grenzen. Man geht, weil man muss und der Kühlschrank leer ist. Nicht, weil das Ambiente wie einst zum Verweilen an Käse- oder Feinkosttheke einlädt. Und es wird mehr gekauft als vor der Krise, denn der Außer-Haus-Verzehr ist durch die behördlichen Präventivmaßnahmen zur Viruseindämmung weitgehend zum Erliegen gekommen. Selbst Kochen ist stattdessen das Gebot der Stunde, eine Rückkehr zu den alten Verzehrgewohnheiten nur langsam und in kleinen Schritten möglich.

Eine junge Dame (blonde, halblange Haare), Maske im Gesicht kauft Orangen ein.

Mehr und mehr Verbraucher, so der Tenor manch jüngst erschienen Zeitungsbeitrages, entdecken vor diesem Hintergrund die Vorzüge online bestellter und direkt bis vor die Haustür gebrachter Lebensmittel. Vor genau einem Jahr erschien auf dieser Website ein Beitrag, der mit den folgenden Worten begann: „Während der Onlinehandel in Deutschland boomt, steckt der digitale Vertrieb von Lebensmitteln noch in den Kinderschuhen. Das gilt vor allem für frisches Obst, Gemüse, Fisch oder Fleisch. Doch selbstzufriedenes Zurücklehnen wäre für die stationären Einzelhändler gefährlich. Denn die Geschichte des Internets lehrt eines: Disruption erfolgt erst im Stillen, und dann kann es plötzlich ganz schnell gehen.“

Schwacher Onlineumsatzanteil von Lebensmitteln

Sind wir nun an diesem Punkt? Ist das Corona-Virus ein Game-Changer im deutschen Lebensmittelmarkt, der zu einer nachhaltig höheren Quote bei der Versorgung mit Lebensmitteln aus dem Internet führen wird? Lieferdienstanbieter wie REWE, Bringmeister und Co. sind derzeit meist auf Tage, wenn nicht Wochen hinaus ausgebucht. Und in der Corona-Krise funktioniert der Versandhandel mit Konsumgütern per Paketversand störungsfrei und ist zudem kontaktarm. Gero Furchheim, Präsident des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel Deutschland, konstatiert daher: „Die Chancen des E-Commerce für die Versorgung der Kunden und die Geschäftsmodelle des Einzelhandels werden neu erlebt.“ Nach Berechnungen des E-Commerce-Verbands mit Sitz in Berlin stieg der Internetumsatz mit Lebensmitteln im ersten Quartal 2020 auf 361 Millionen Euro und damit um 28,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. Das Umsatzplus entfiel dabei großteils auf den März – den Monat des Beginns verschärfter Kontaktsperren in Deutschland.

Lebensmittel digital abgeschlagen

Onlineanteil Food und Nonfood am Einzelhandel in Prozent (Quelle: „HDE Online-Monitor 2019“)

Onlineanteil Food und Nonfood am Einzelhandel in Prozent (Quelle: „HDE Online-Monitor 2019“)

Doch trotz dieses hohen Wachstums dürfen die Relationen dabei nicht aus den Augen verloren werden, mahnt Volker Brokelmann, Handelsexperte im Researchteam der Hamburg Commercial Bank. Die Basis für die aktuell hohen Zuwächse liegt extrem niedrig: Seit Jahren rangiert der Anteil der online bestellten Lebensmittel am gesamten Lebensmitteleinzelhandelsumsatz in Deutschland bei kaum mehr als einem Prozent. Brokelmann ist überzeugt: „Daran dürfte die gegenwärtige Corona-Pandemie nachhaltig wenig ändern – auch wenn manch Verbraucher aus Angst vor einer Ansteckung im Supermarkt oder wegen Lieferengpässen in einigen Sortimentsteilen derzeit auf eine Onlinebestellung mit persönlicher Belieferung oder Paketversand auszuweichen versucht.“ Aktuelle Umfragen wie die von (M)Science unter 1.000 Menschen ab 18 Jahren im Auftrag der Medienagentur Wavemaker rütteln daran nicht grundsätzlich. Danach wollen immerhin zehn Prozent der Befragten auch nach der Krise weiter Lebensmittel im Web bestellen.

2019 konstatierten die Experten der Hamburg Commercial Bank in ihrer Branchenstudie „Lebensmitteleinzelhandel online: Frische macht den Unterschied – kann der Handel liefern?“ dem Onlinelebensmittelhandel vorrangig nur in Nischen größere Marktanteile .

„Vielen Verbraucherumfragen zufolge gibt es zwar eine steigende grundsätzliche Bereitschaft zum Onlinelebensmitteleinkauf, es bestehen aber zugleich auch gewichtige Vorbehalte dagegen. Der Verbraucher will vor allem Frischeprodukte wie Obst, Gemüse und Fleisch vor dem Kauf selbst prüfen und auswählen. Er möchte die Warenauswahl am Obst- und Gemüsestand oder der Fleischbedientheke persönlich begutachten. Das kann kein Onlineshop bieten. Für Frischeprodukte ist der stationäre Handel noch immer die optimale Vertriebsform“, sagt Brokelmann.

Ein weiteres nachhaltiges Hemmnis stellt der Versandweg dar. So sind mehrstündige Zustellfenster, Lieferunsicherheiten und Versandkosten für den Verbraucher kaum akzeptabel, wenn man dieselben Waren im Supermarkt oder beim Discounter in der Nähe jederzeit schnell und einfach bekommt. Mit anderen Worten: Der stationäre Lebensmitteleinzelhandel wird auch nach der Corona-Krise der unangefochtene Platzhirsch bleiben.

„Die Lieferdienste sind und bleiben ein Innenstadtphänomen in großen Ballungszentren wie Berlin, Hamburg, München oder Köln, wo die Wege kurz sind und die Kundendichte hoch ist.“

Volker Brokelmann, Handelsexperte im Researchteam der Hamburg Commercial Bank

Während Hunderttausende Unternehmen anderer Branchen derzeit Kurzarbeit angemeldet haben, suchen die Lebensmitteleinzelhändler sogar händeringend neues Personal und leisten zugleich an ihre Beschäftigten ob des hohen Arbeitspensums Sonderzahlungen.

Frische macht weiter den Unterschied und bleibt der zentrale Wettbewerbsvorteil stationärer Händler. Der Onlinelebensmittelhandel kann – das belegen die vergangenen Wochen – zwar im Rahmen der bestehenden Kapazitäten liefern. Aber will er es über die bisherigen Maße hinaus überhaupt? Experte Brokelmann hat Zweifel: „Limitierende Faktoren sind nicht nur die zurückhaltenden Verbraucher, sondern auch die Anbieter selbst. Investitionen in eine flächendeckende Versorgung mit Lebensmitteln aus dem Internet rechnen sich einfach nicht. Nur wenige Kunden sind bei der hohen Versorgungsdichte des stationären Lebensmitteleinzelhandels bereit, dafür adäquat zusätzlich zu zahlen.“ Und er sieht ein klares Stadt-Land-Gefälle: „Die Lieferdienste sind und bleiben ein Innenstadtphänomen in großen Ballungszentren wie Berlin, Hamburg, München oder Köln, wo die Wege kurz sind und die Kundendichte hoch ist.“

Ein Sack frischer Orangen

Wesentlich größere Einzugsgebiete würden die personalkostenintensiven Logistikprozesse unverhältnismäßig in die Höhen treiben. Und das würden die Verbraucher wiederum nicht bezahlen, sondern stattdessen weiter einfach in den Supermarkt um die Ecke gehen. Größeres Onlineabsatzpotenzial sieht Brokelmann in den nächsten Jahren daher vorwiegend bei Feinkostartikeln, höherpreisigen Markenartikeln, Spezialitäten und anderen Nischenprodukten aus dem Trockensegment, Wein und Spirituosen sowie Heimtierfutter und Non-Food-Artikeln, wie etwa Drogerieprodukten.

Auch mancher Hersteller versucht die Gunst der Corona-Stunde zu nutzen um seine Produkte – von Whiskey bis hin zu hochwertiger Schokolade – jetzt verstärkt direkt an die Endverbraucher zu verkaufen. Entsteht hier, vorbei am stationären wie digitalen Lebensmittelhandel, etwa ein neuer, direkter Vertriebsweg? Experte Brokelmann ist skeptisch: „Im Einzelfall mag das einigen Marken- und Nischenproduktherstellern gelingen. Viele sind hier aber ohnehin schon aktiv oder gar direkt als Onlineshops gestartet. Eine Vertikalisierung der Geschäftsmodelle der Lebensmittelproduzenten auf breiter Front sehe ich nicht. Verbraucher wollen schließlich nicht in vielen einzelnen Shops einkaufen, sondern möglichst in einem stationären oder digitalen Shop die große Auswahl haben.“