Reale Anlagealternativen in unsicheren Zeiten

März 2020 – „Wohin mit dem Kapital?“ – Diese Frage stellen sich derzeit viele Family Offices, Großinvestoren oder institutionelle Anleger. Die Nervosität an den Börsen steigt, sichere Häfen gibt es allenfalls nur noch gegen Negativzinsen. Real Asset Investments – vom Windpark bis hin zu Schiffen neuen Typs – rücken deshalb immer stärker in den Fokus der Investoren. Um genau diese Opportunitäten für Eigen- und Fremdkapital ging es jüngst bei einer Konferenz in Hamburg, die von der Hamburg Commercial Bank mitorganisiert wurde.

Schon die Vorabendveranstaltung vor der eigentlichen Investmentkonferenz brachte es auf den Punkt. „Strategie, Führung Ungewissheit“ lautete das Thema des Vortrags von Professor Burkhard Schwenker, Chairman des Advisory Council von Roland Berger. Ob Handelskriege, politische Instabilität, Konjunktureinbruch oder aktuell vor allem die Folgen der Corona-Pandemie: Wirtschaftliche Entscheidungen zu treffen, ob als Unternehmensführer oder Großanleger, fällt in diesen bewegten Tagen nicht leicht.

Auch Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank, konnte am Folgetag in seinem Eröffnungsvortrag der Konferenz „Real Asset Investments“ im Hause der E.R. Capital Holding an der Hamburger Außenalster nur bedingt für kurzfristigen Optimismus sorgen. Sein Fazit: Die Globalisierung, die lange Jahre Garant für das Zusammenwachsen und Erstarken der gesamten Weltwirtschaft war, erweist sich aktuell, in Zeiten des Corona-Virus, als deren Achillesferse. Wenn die Produktion in Fernost weitgehend zum Erliegen kommt, hat das nicht nur Folgen für China, sondern auch für den Rest der Welt. Wie abhängig die globale und damit auch die deutsche Wirtschaft von einer prosperierenden chinesischen Ökonomie ist, zeigen allein diese Zahlen von de la Rubia: Stetig sorgte allein China in den vergangenen Jahren für 30 bis 40 Prozent des weltweiten Wirtschaftswachstums. 2019 betrug Chinas Beitrag zum weltweiten Konjunkturplus satte 39,2 Prozent. Die Abhängigkeit vom chinesischen Markt – ob als Absatz- oder Produktionsstätte – ist heute ungleich höher als zu Zeiten des SARS-Virus 2002/2003. Vor allem deutsche Auto- und Maschinenbauer sowie deren Zulieferer bekommen das derzeit massiv zu spüren.

Rasche Erholung nicht unwahrscheinlich

Im Umkehrschluss – und das ist die gute Botschaft – heißt das laut dem Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank aber auch: „Der Welthandel wird sich wieder erholen, wenn sich die Situation in China wieder normalisiert. Vor Corona gab es in der Weltwirtschaft bereits erste Anzeichen einer Belebung. Daran könnte angeknüpft werden, wenn sich die Lage in China rasch wieder normalisiert.“ Tatsächlich berechtigen die jüngsten Nachrichten aus China, nach denen dort im Ursprungland der Corona-Pandemie die Zahl der Neuinfektionen deutlich zurückgeht, zu mittelfristig vorsichtigem Optimismus.

Bereits vor dem Ausbruch des Corona-Virus haben Investoren ihr Anlageverhalten verändert. Gemeinsam mit Dr. Anton Buchhart, Hauptabteilungsleiter Kapitalanlagen bei der Barmenia Versicherungsgruppe, und Tilo Kraus, Bereichsleiter Global Sales und Syndicate der Hamburg Commerical Bank, diskutierte Thomas Rücker, geschäftsführender Gesellschafter von Rücker Consulting, über Anlagemöglichkeiten im Fremdkapitalbereich bei realen Assets. „Nach Jahren steigender Asset-Preise rücken defensive Asset-Klassen immer stärker in den Fokus. Defensive Real-Asset-Anlagen gewinnen an Bedeutung. Diese sind in der Regel deutlich weniger anfällig gegen gesamtwirtschaftliche Verwerfungen“, meinte Tilo Kraus (siehe Interview).

Corona-Virus drückt die Weltwirtschaft

Corona-Virus drückt die Weltwirtschaft: Veränderung des Bruttoinlandsprodukts in Prozent

Veränderung des Bruttoinlandsprodukts in Prozent | Quellen: HCOB Economica, Macrobond, IWF

Ein wichtiger Gradmesser für den Zustand der Weltwirtschaft sowie der Globalisierung ist seit jeher die Schifffahrt. Vor dem Hintergrund der aktuellen Herausforderungen ist daher zumindest die These überraschend, mit der Christoph Geck-Schlich, Managing Partner der Blue Star Group, vor die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Real-Asset-Investment-Konferenz trat: „Die Asset-Klasse Schiff erlebt derzeit ein Revival.“ Die Blue Star Group investiert nach eigenen Worten strategisch in maritime Wirtschaft und Logistik. Sie bietet Coinvestoren innovative Investmentmöglichkeiten und ganzheitliches Asset- und Portfoliomanagement. Während Investments in Schiffe hierzulande, nach manchen Fehlschlägen rund um die Jahre der Finanzkrise, häufig gegen einen schlechten Leumund ankämpfen müssen, hat sich nach Geck-Schlichs Worten der Wind international längst wieder gedreht und sei die Investitionslust zurückgekehrt – auf Projektierer- und Anlegerseite. Moderne Schiffe seien für einen funktionierenden Welthandel unverzichtbar und spätestens nach Ende der Corona-Pandemie auch wieder nötiger als zuvor.

Schifffahrt versus Immobilien

Schifffahrt versus Immobilien: Langfristige Preisentwicklung im Vergleich seit 1977

Langfristige Preisentwicklung im Vergleich seit 1977 | Quellen: Blue Star Group, Bulwiengesa, Clarksons Research

Die Schifffahrt wird grün

Die Betonung liegt dabei jedoch auf „modern“. Neue Warenarten, aber vor allem innovative, noch umweltschonendere Antriebstechnologien werden die Schiffsbranche in den kommenden Jahren und Jahrzehnten revolutionieren – und damit Investitionschancen beim Bau neuer Schiffe bieten. Aktuell liegt der Anteil der deutschen Flotte an der weltweiten Schifffahrt nach Berechnungen der Blue Star Group bei fünf Prozent; bei den Containerschiffen sind es sogar 16 Prozent. Besonders die Containerschiffe sind der Schrittmacher der Globalisierung – auf ihren Decks stapeln sich die ISO-zertifizierten Container mit höherwertigen Halbfertig- und Fertigprodukten – vom Smartphone über den modischen Sneaker bis hin zum Bürostuhl.

Vier von fünf Gütern werden bereits heute über den Seeweg gehandelt, Tendenz: weiter steigend. Und bei aller Kritik an manch altem Tanker: Der Anteil der Schifffahrt an den weltweiten Kohlendioxidemissionen, die maßgeblich für den Klimawandel gemacht werden, liegt nach Angaben von Geck-Schlich nur bei zwei bis drei Prozent. Doch das darf kein Grund sein, sich beruhigt zurückzulehnen. Nachhaltig orientierte Investoren, aber auch die politischen Regulatoren verschärfen den Druck, sparsamere Motoren und alternative Antriebe auch bei Schiffen einzuführen. Dr. Jan-Henrik Hübner, Global Head of Shipping Advisory beim Beratungsunternehmen DNV GL, stellte in seinem Vortrag die zahlreichen Alternativen zum klassischen Diesel vor: von Flüssiggas bis hin zu Power-to-X-Technologien, bei denen synthetische, klimaneutrale Kraftstoffe auf Basis erneuerbarer Energien wie Windkraft oder Photovoltaik hergestellt werden.

Die Windkraft war auch Thema des Vortrags von Christian Banzer, Managing Director und Member of the Executive Board bei der Prime Capital AG. Nach dem drastischen Absenken der Einspeisevergütungen und dem zunehmenden Bürgerwiderstand gegen neue und größere Windräder ist der Onshore-Zubau im einstigen Windpionierland Deutschland faktisch weitgehend zum Erliegen gekommen.

Schifffahrt: Anlegeplatz eines Containerschiffes im Hafen

Power-Purchase-Agreements stark im Kommen

Dagegen steigt nach Banzers Worten die Nachfrage nach „Power-Purchase-Agreements“: „Das Interesse von Großkonzernen an diesen langfristigen Abnahmeverträgen steigt kontinuierlich an.“ Internationale Großunternehmen wie Amazon, Google, Unilever, aber auch deutsche Multis wie Daimler-Benz oder die Deutsche Bahn sichern sich mithilfe von PPAs garantiert grünen Strom aus bestehenden Wind- oder Solarparks – langfristig und verlässlich. So simpel das Konstrukt scheint, so kompliziert sind die Finanzierungswege dahinter. Die Erneuerbare-Energien-Experten der Hamburg Commercial Bank sind Spezialisten im Bereich PPA.