Blockchain: Ist die „Tokenisierung von Assets“ das neue große Ding?

November 2020 – Der Einsatz von Blockchains im Umfeld von Sachwerten steckt noch in den Kinderschuhen. Doch gerade mit Blick auf den Immobilienmarkt könnten smarte Tokens den Markt gewaltig verändern. Dr. Cyrus de la Rubia, Chefökonom der Hamburg Commercial Bank, bringt im Interview Licht in dieses bis dato wenig bekannte Business.

Eine Münze mit Bitcoin Symbol liegt auf einem rosa-grünen Hintergrund

Die Finanzindustrie hat sich gerade einmal an die Blockchains gewöhnt, da kommen die „Tokens“ als neues großes Ding auf, angeblich viel leichter zu verstehen. Dann erklären Sie doch einmal bitte kurz, was dahinter steckt.

Wenn Ihnen jemand sagt, das Konzept der Tokenisierung sei leicht zu verstehen, dann liegt das entweder daran, dass die Person Sie nicht mit komplizierten Erklärungen abschrecken möchte oder sie vielleicht das Konzept selber nicht verstanden hat. Tokenisierung ist kein leichtes Brot, aber es lohnt sich es zu verstehen, weil es erhebliches Innovationspotenzial für den Finanzsektor und andere Branchen hat. Denn – um ein Ergebnis vorweg zu nehmen – mit der Tokenisierung von Assets können reale Vermögenswerte, wie etwa Immobilien, in kleine Einheiten geteilt, Kleinanlegern zugänglich gemacht und mit nur geringen Transaktionskosten gehandelt werden. Und vieles davon ohne Intermediäre.

Das klingt ja wie die vielzitierte „eierlegende Wollmilchsau“ ...

... ist aber erst einmal hartes Brot. Das kann ich Ihnen, wenn wir mehr über die Hintergründe sprechen wollen, nicht ersparen. Die Tokenisierung von Vermögenswerten findet häufig auf der Basis der Ethereum-Blockchain statt und damit sind schon mal zwei erklärungsbedürftige Begriffe genannt. Blockchain und Ethereum. Eine Blockchain ist zunächst eine Datenbank, in der die eingetragenen Daten mithilfe von kryptographischen Techniken derart miteinander verknüpft sind, dass sie nur schwer oder gar nicht manipuliert werden können. Das gilt umso mehr, wenn diese Blockchain dezentral organisiert ist. Das heißt, wenn eine identische Kopie der Datenbank auf vielen Tausenden Servern liegt, so wie das etwa bei der Ethereum-Blockchain der Fall ist. Die Ethereum-Blockchain ist eine Datenbank, die grundsätzlich für jeden frei zugänglich ist.

Wirklich für jeden?

Ja, jeder kann dort Daten in Form von Informationen, Programmen oder digitalen Verträgen einstellen. Sind diese Daten einmal eingestellt, dann lassen sie sich nicht mehr entfernen oder manipulieren. Dafür sorgen die sogenannten Miner, die sicherstellen, dass die Blocks mit den aufgenommenen Daten in der Weise kryptografisch versiegelt sind, dass niemand sie mehr ändern kann. Dafür müssen die Miner Rechnerkapazität bereit stellen, mit der sie untereinander in einen Wettstreit um die Lösung eines kryptografischen Rätsels treten. Die Miner, die das Rätsel als Erste lösen, erhalten eine Belohnung in Form von Ether, der Transaktionswährung der Ethereum-Blockchain.

„Tokenisierung ist kein leichtes Brot, aber es lohnt sich es zu verstehen, weil es erhebliches Innovationspotenzial für den Finanzsektor und andere Branchen hat.“

Dr. Cyrus de la Rubia, Chefsvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank

Und was genau sind jetzt die Tokens?

Das gerade Beschriebene hat noch nicht viel mit Tokens zu tun. Allerdings können über sogenannte Smart Contracts Tokens geschaffen werden. Ein Smart Contract ist nichts anderes als eine Software, die in dem hier besprochenen Fall auf der Ethereum-Blockchain gespeichert werden kann. Diese Software funktioniert wie eine Wenn-Dann-Bedingung und hat eine eigenständige Adresse auf der Ethereum-Blockchain. Auf diese Weise kann beispielsweise eine Immobilie tokenisiert werden. Die Wenn-Dann-Bedingung lautet in diesem Fall: Wenn eine bestimmte Anzahl von Ether – der Kryptowährung auf der Ethereum-Blockchain – an die Adresse des von dem Verkäufer geschaffenen Smart Contracts fließt, erhält die Adresse des Senders der Ether eine entsprechend definierte Menge an Tokens, die ihrerseits einen Eigentumsanteil an der Immobilie repräsentieren. Der Besitz eines Tokens, der auf der Blockchain den einzelnen Blockchain-Adressen der Inhaber zugeordnet ist, berechtigt dazu, einen Anteil der Mieteinnahmen zu erhalten. Die Überweisung der Mieteinnahmen kann ebenfalls mithilfe eines Smart Contracts automatisiert werden, zum Beispiel über die folgende Wenn-Dann-Bedingung: Wenn der 15. Tag eines Monats ist, dann wird die Miete an die Ethereum-Adressen der Inhaber der Token anteilig überwiesen.

Das klingt beeindruckend. Und nicht gerade optimistisch, was die geschäftliche Zukunft großer Immobilienverwalter angeht ...

Der Charme an diesem Vorgehen ist, dass die Prozesse automatisch ablaufen und insofern wenig Verwaltungsaufwand bedeuten. Die Extremvorstellung geht sogar dahin, dass es keinerlei Intermediäre mehr gibt, weil die Verträge nicht korrumpierbar sind und sich selbst erfüllen. Der Immobilienverwalter ist kein Mensch mehr, sondern nur noch eine Software. Darüber hinaus ergeben sich neue Perspektiven für wenig vermögende Privatanleger. Tokens können im Grunde genommen in beliebig kleiner Wertigkeit verkauft werden. Auf diese Weise kann ein Anleger, der unter normalen Umständen keine Möglichkeit hätte, sich an einem großen Versicherungstower zu beteiligen, durchaus mit beispielsweise 500 Euro einen Bruchteil diese Immobilie beziehungsweise einen entsprechenden Mietanspruch erwerben. Viele Tokens können mittlerweile an dezentralen, auf Blockchain basierenden Börsen gehandelt werden, so hier ohne große Transaktionskosten die Anteile gehandelt werden können. Die hohe Teilbarkeit ermöglicht es zudem, auch ein eher kleines Immobilienportfolio zu niedrigen Kosten zu diversifizieren.

Image Tokenisierung

Und woran hakt es noch in der Praxis?

Die Welt der Immobilien und Mieter ist nicht so rein, wie sich das Programmierer meist vorstellen.. Die Zauberwörter „Blockchain“, „Token“ und „Smart Contract“ bedeuten nicht, dass der Mieter automatisch stets in der Lage ist, seine Miete zu zahlen, dass die Verwaltung der Immobilie inklusive der Reparaturarbeiten sich von alleine erledigt und der Notar, der üblicherweise beim Verkauf einer Immobilie die Grundbuchübertragung sicherstellt, sofort arbeitslos wird. Es ist aber auch nicht so, dass diese Hindernisse unüberwindbar wären. So ist es beispielsweise grundsätzlich möglich, dass mithilfe von Sensoren laufend die Funktionsfähigkeit elektrischer Geräte wie Treppenhauslampen oder Fahrstühle überprüft wird und bei einer Fehlermeldung ein entsprechender Vertragshandwerker aus einem Adressenpool kontaktiert wird. Auch hier könnte es ein Vorteil sein, wenn der Handwerker der Blockchain angeschlossen ist und sofort Einsicht in die Fehlermeldung erhält. Mindestens so interessant wäre es auch, Grundbücher auf die Blockchain zu übertragen. Dies liegt nahe, da die Ethereum-Blockchain als kaum manipulierbar gilt und Dateneintragungen daher eine hohe Glaubwürdigkeit genießen, ohne dass es eines Notars bedürfte. Das könnte Immobilientransaktionen deutlich günstiger machen. Bei komplexeren Transaktionen von Gewerbeimmobilien werden Notare aber vermutlich auch noch in 20 Jahren eine bedeutende Rolle spielen.

Sie formulieren dennoch vorsichtig im Konjunktiv. Was verhindert noch den großen Durchbruch der Blockchain in der Asset-Branche?

Bei aller Euphorie sollte man – zumindest zum jetzigen Zeitpunkt – die Kirche noch im Dorf lassen. Nicht alles, was auf der Blockchain abbildbar ist, ist per se sinnvoll. Hier gilt es genau abzuwägen, zumal die Technologie in weiten Teilen noch unreif ist und auch Angriffsfläche bietet. Der größte Schwachpunkt der Ethereum-Blockchain ist die mangelnde Skalierung. Es gibt auch andere Probleme. So müssen beispielsweise die Informationen, die von Sensoren aufgenommen werden, via Oracles an den Smart Contract übertragen werden. Diese Oracles können aber, im Gegensatz zur Ethereum-Blockchain – manipuliert werden. Hier müssen Lösungen gefunden werden, die einen Missbrauch unwahrscheinlich machen. Nicht zu vergessen sind rechtliche Stolpersteine: Die Bundesregierung hat durchaus Fortschritte in dieser Beziehung gemacht und vor Kurzem einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, in dem elektronischen beziehungsweise tokenisierten Wertpapieren der gleiche Status wie traditionellen Wertpapieren zugestattet werden soll. Die Schweiz ist noch weiter, die meisten EU-Länder hinken aber hinterher. Bei internationalen Transaktionen kann das zu einem Hindernis werden.

Sie haben Chancen bewertet, aber auch Risiken benannt. Hand aufs Herz: Welche Kraft steckt letztlich in den Tokens?

Trotz aller Einwände: Denken Sie zurück an das Internet. Wie einst das Modem surrte und gurrte, bevor es – wenn man Glück hatte – tatsächlich eine Verbindung aufbaute und man sich einen Kaffee machen konnte, während eine Internetseite aufgebaut wurde. Heute bewegen sich die Menschen mit einer Selbstverständlichkeit im Netz, die in den 1990er-Jahren undenkbar gewesen wäre. Das Recht wurde und wird immer mehr an die neue Realität angepasst und die Menschen hinterfragen nicht mehr, ob so etwas Abstraktes überhaupt funktionieren kann, sondern sie nutzen es einfach. So kann es auch mit der Blockchain- und Token-Technologie gehen. Statt die Technologie als fixe Idee abzutun oder als Bedrohung zu empfinden, ist es daher wichtig, dass der Gesetzgeber und die Unternehmen am Ball bleiben, um die diesen Technologien innewohnenden Chancen wahrzunehmen.

4 Fragen und Antworten zur Kraft der Blockchain

Was macht Bitcoins so einzigartig?

Bitcoin ist ein elektronisches Peer-to-Peer-Bargeld, das zwischen Computern ohne einen vertrauenswürdigen Mittelsmann – wie etwa eine Bank – übertragen werden kann und dessen Emission nicht unter der Kontrolle einer einzelnen, zentralen Institution steht. Über die Bitcoin-Blockchain können ganze Bitcoin oder Bruchteile davon, die sogenannten Satoshis, sicher überwiesen werden.

Wie gelingt es, dass das digitale Geld von A nach B fließt und dabei nicht gefälscht wird?

Das Geheimnis hinter der Kryptowährung ist, dass alle Transaktionen, die auf der Bitcoin-Blockchain stattfinden, gespeichert werden. Und zwar für immer. Seit Start der Digitalwährung Bitcoin am 3. Januar 2009 wurden alle Transaktionen gespeichert. Wenn heute nun eine neue Transaktion von einer Adresse getätigt werden soll, kann mit Blick auf die komplette Historie schnell geklärt werden, ob diese Adresse vertrauenswürdig ist oder nicht. Technisch wird die Sicherheit der Blockchain über die sogenannten Miner hergestellt, die für die Bestätigung der Richtigkeit von Transaktionen mit (neu geschaffenen) Bitcoin belohnt werden

Welche Bedeutung hat Bitcoin heute schon?

In jedem „Block“ der Blockchain finden 1.500 bis 2.500 Transaktionen statt. Heute wird alle zehn Minuten ein neuer Block hinzugefügt. Mitte September 2020 gab es weltweit bereits rund 650.000 Blöcke.

Welche Zukunft hat die Blockchain?

Mittlerweile gibt es eine neue, noch vorteilhaftere Generation von Blockchains. Eine der prominentesten ist die Ethereum – sozusagen die eierlegende Wollmilchsau in der Krypto-Industrie. Sie ist wesentlich flexibler als ihre Vorgängerin. Während die Bitcoin-Blockchain nur Bitcoins transportieren kann, transportiert die Ethereum-Blockchain auch Daten, Informationen und sogenannte Smart Contracts. Und gerade in diesen Smart Contracts – vereinfacht gesagt sind das Softwarelösungen für jede Form von Wenn-Dann-Geschäften, wie etwa Miet- oder Leasing-Deals – steckt das große Innovationspotenzial.