Die Folgen der US-Präsidentschaftswahl für Konjunktur, Devisen und Co.

November 2020 – Die Vereinigten Staaten haben einen Wahlkampf um das Oval Office erlebt, wie es ihn zuvor in der langen Geschichte der US-Präsidentschaftswahlen noch nicht gegeben hat. Nach dem Getöse ist es Zeit für eine nüchterne Bestandsaufnahme. Was bedeutet die Wahl von Joe Biden für die Weltwirtschaft und besonders deutsche Unternehmen?

Es ist eines der Phänomene unserer Zeit. Während in der zerrissenen Nation USA die Trump-Anhänger dem kommenden Präsidenten Joe Biden trotz dessen sehr versöhnlicher erster Worte an das gesamte Land skeptisch bis überwiegend feindlich entgegenstehen, fliegen dem demokratischen „President-elect“ in Europa und speziell in Deutschland die Herzen zu. Doch bei aller Euphorie über das Ende der Ära Trump mit all ihren Grobheiten auch gegenüber langjährig Verbündeten verkennen hierzulande viele, dass sich trotz des Wechsels im höchsten politischen Amt der Welt nicht gleich alles radikal ändern wird.

Time Square

Versöhnlicher im Ton, hart in der Sache

Anders formuliert: Joe Biden will und wird zuallererst „der Präsident aller Amerikaner“ sein. Außen-, verteidigungs- oder handelspolitische Themen spielten im jüngsten Wahlkampf keine oder allenfalls nur eine vernachlässigbare Rolle. Trump wollte Amerika bei seinem Sieg vor vier Jahren wieder „great again“ machen. Auch sein Nachfolger Biden dürfte diese Binnenfokussierung im Blick behalten, wenn auch mit einem gänzlich versöhnlicheren Ton und etwas anderen politischen Akzenten. Die umfassenden Reformen, die gerade jüngere Wählerinnen und Wähler von ihm erwarten, dürfen schon allein aus Gründen fehlender Mehrheiten ausbleiben.

Biden kann als Staatsoberhaupt zwar voraussichtlich auf die Mehrheit der Demokraten im Repräsentantenhaus setzen. Die Kontrolle im Senat konnte sich seine Partei bislang aber nicht sichern. Eine Entscheidung darüber dürfte erst bei zwei Stichwahlen im Bundesstaat Georgia Anfang Januar 2021 fallen. Muss Biden, wonach es aussieht, ohne eigene Mehrheit in beiden Kammern regieren, wäre er auf die Unterstützung der Republikaner bei wichtigen politischen Vorhaben angewiesen. Doch die Geschichte etwa der Präsidentschaften Obamas zeigt, wie hart die Front der Republikaner dann sein kann.

Kapitol Gebäude in Washington

Daher erwarten Beobachter wie Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank, ab Januar kommenden Jahres keine 180-Grad-Wende in der US-Politik. „Größere Unterschiede im Vergleich zu Vorgänger Trump sehe ich vor allem in der Bekämpfung der epidemiologischen und konjunkturellen Folgen der Corona-Krise und der Umweltpolitik“, sagt de la Rubia. Als eine der ersten Amtshandlungen nach der Inauguration im Januar hat Biden bereits die Rückkehr ins Pariser Klimaschutzabkommen angekündigt, aus dem die Regierung Trump erst am 4. November 2020 offiziell ausgetreten ist. Mit gemischten Gefühlen blickt de la Rubia auf die Wirkungen der Steuer- und Konjunkturpläne Biden, sofern diese überhaupt Realität werden: Höhere Unternehmens- und Einkommensteuern für Besserverdiener könnten etwa die hohen Börsenkurse attackieren. Zugleich fällt Bidens Konjunkturpaket zur nachhaltigen Grunderneuerung der US-Industrien mit zwei bis drei Billionen US-Dollar nach seinen Worten deutlich üppiger aus als das, was Trump seinen Wählern versprochen hatte. Malus und Stimulus in einem also.

Mit Blick auf den internationalen Handel erwartet der Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank einen nach wie vor rigorosen Kurs gegenüber China – „verbindlicher im Ton, aber hart in der Sache“. Das dürfte in etwa auch für das Verhältnis zu Europa gelten. Biden fordert wie Vorgänger Trump die Europäer etwa stetig zu vermehrten Verteidigungsinvestitionen auf. Der Euro, so die Prognose de la Rubias, dürfte durch den neuen Mann im Weißen Haus tendenziell gestärkt werden.

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