Digital Health: Wie verändert Covid-19 die deutsche Gesundheitswirtschaft?

Juni 2020 – Patientenberatung aus der Ferne, Fitness-Coaching per Videostream, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung per Telefon oder die „Corona-App“: Die Pandemie hat auf einen Schlag deutlich gemacht, welches digitale Potenzial im deutschen Gesundheitswesen steckt – aber auch, wo noch erheblicher Entwicklungsbedarf besteht. Mit der digitalen Gesundheitswirtschaft von morgen beschäftigt sich jetzt ein „Healthcare Hackathon“ in Kiel mit Unterstützung der Hamburg Commercial Bank.

Der Fortschritt ist hierzulande mitunter eine Schnecke. Schon seit Anfang der 2000er-Jahre wird lebhaft über die vielen Vorzüge, häufiger aber noch über die befürchteten Nachteile digitaler Medizin diskutiert. 2015 legte dann das „E-Health-Gesetz“ den Grundstein für die elektronische Patientenakte (ePA). Sechs Jahre später nun, ab 2021, wird diese erst Wirklichkeit: Alle gesetzlich Versicherten können dann eine ePA bei ihrer Krankenkasse beantragen. „Ich will nicht, dass wir die Digitalisierung des Gesundheitssystems erleiden. Sondern dass wir sie gemeinsam gestalten“, sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

Doch seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie ist vieles anders. Was lange Zeit im Gesundheitswesen nicht möglich war, vollzieht sich jetzt im Zeitraffer: immense staatliche Finanzspritzen, das Hintenanstellen von datenrechtlichen Bedenken etwa gegen die Einführung der „Corona-App“, die intensivierte Kooperation von Unternehmen bei der Forschung oder die vielfach geforderte Rückkehr der systemrelevanten Medikamentenproduktion aus China oder Indien zurück nach Europa. Die Digitalisierung – lange Zeit neben dem Mangel an fachkundigem Personal die größte Schwachstelle im deutschen Gesundheitswesen – hat aktuell so große Chancen wie nie.

Patientenberatung aus der Ferne, Fitness-Coaching per Videostream, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung per Telefon

Corona-Virus als Impulsgeber für die Gesundheitsbranche

„Viele der Corona-bedingten Veränderungen werden bleiben, nicht zuletzt, um im Hinblick auf zukünftig mögliche Pandemien effektiver reagieren zu können“, sagt Thomas Miller. Er ist Executive Director Research bei der Hamburg Commercial Bank und seit Jahren ein Kenner der deutschen Gesundheitswirtschaft. Auch für Investoren ist das Zeitfenster nach seinen Worten derzeit günstig: „Geldmittel sind aktuell besser begründbar und förderbar.“ Auch Torsten Schwarz, Senior Relationship Manager Healthcare bei der Hamburg Commercial Bank, ist überzeugt: „Die Geschwindigkeit der Ausbreitung von Digitalisierung nimmt zu, insbesondere bei der Vernetzung von Daten und telemedizinischen Anwendungen.“

Doch welche digitalen Chancen lassen sich hier und jetzt für das deutsche Gesundheitswesen realisieren? Welche kreativen Lösungen haben das Zeug zum Durchstarten? Um das herauszufinden, treffen sich zum vierten Mal kluge Köpfe aus Gesundheits-Start-ups oder dem Hochschulumfeld zum „Healthcare Hackathon“ am 5. Juni des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) – dieses Mal aus Corona-Gründen virtuell. Schirmherr ist erneut der Minister für Soziales, Gesundheit, Jugend, Familie und Senioren in Schleswig-Holstein, Dr. Heiner Garg. Die Hamburg Commercial Bank fördert den kreativen Talentwettbewerb. Per Webtool Talque oder im Livestream auf Youtube können Interessierte den wohlmeinenden Hackern über die Schultern schauen. Im Rahmen einer Serie, die mit diesem Beitrag startet, werden wir Sie hier ebenfalls über die Eindrücke und die Resultate des Hackathons informieren.

Gesundheitswirtschaft: eine Branche in Zahlen

  • 372 Milliarden Euro betrug die gesamte Wertschöpfung der deutschen Gesundheitswirtschaft im Jahr 2019. Das entspricht rund zwölf Prozent der Bruttowertschöpfung in Deutschland. Gerechnet auf einen Tag ist das mehr als eine Milliarde Euro Bruttowertschöpfung.
  • 4,1 Prozent betrug der durchschnittliche jährliche Anstieg der Bruttowertschöpfung in der Gesundheitswirtschaft in den vergangenen zehn Jahren – die Gesamtwirtschaft kam nur auf ein jährliches Plus von durchschnittlich 3,3 Prozent.
  • Jeder sechste Erwerbstätige oder insgesamt 7,5 Millionen Mensch arbeiten hierzulande in der Pharmaforschung, bei Kliniken, als Sprechstundenhilfe beim Hausarzt oder als Physiotherapeut oder Zahnarzt. Die Gesundheitswirtschaft hat in den vergangenen zehn Jahren rund 1,2 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen.
  • 131 Milliarden Euro betrugen die Exporte der Gesundheitswirtschaft 2019 – das sind 8,3 Prozent aller deutschen Exporte.

Gesundheitswirtschaft boomt

Infografik Gesundheitswirtschaft boomt

Entwicklung der Bruttowertschöpfung 2010 bis 2019 (Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie)

Das UKSH ist nicht zufällig gewählt. Die Uniklinik geht bei der Digitalisierung vorbildlich voran. Bereits seit Jahren vollzieht das UKSH mit Campus-Sitzen in Kiel und Lübeck den digitalen Kulturwandel– zum Wohle der jährlich rund 450.000 Patientinnen und Patienten, der mehr als 14.000 Beschäftigen, aber auch der eigenen Wirtschaftlichkeit. Auch dank dieser digitalen Strategie hat es der nach eigenen Angaben größte Arbeitgeber in Schleswig-Holstein mit einer Bilanzsumme von zuletzt mehr als 1,7 Milliarden Euro wieder in die Gewinnzone geschafft.

Und das allem Anschein nach nicht trotz, sondern wegen des mutigen Innovations- und Investitionsprogramms der vergangenen Jahre in Höhe von mehr als einer halben Milliarde Euro. Ein erheblicher Teil der Kapitalbeschaffung erfolgte über die Hamburg Commercial Bank, deren Experten über eine tiefe, jahrelange Branchenkenntnis des deutschen Gesundheitswesens verfügen.

Zwei Frauen blicken auf ein Tablet und zeigen auf einen Quellcode.

„Personalisierte Medizin, viel schlankere Abläufe, die partizipative Entscheidungsfindung von Arzt und Patient auf Augenhöhe“ sind laut Professor Dr. Jens Scholz neben komplett neuen Gebäuden die Markenzeichen der modernen Medizin in Kiel und Lübeck. Der frühere Anästhesiologe ist Vorstandsvorsitzender des UKSH und Gastgeber des Hackathons. „Für all das ist die Digitalisierung der Innovationsmotor. Wir haben die Möglichkeiten und die Kraft, die bisherigen analogen Prozesse in digitale Effizienz zu verwandeln“, sagt Scholz. Dafür wurde beispielsweise die Krankenhaus-IT inklusive des Rechenzentrums zentralisiert – und die regelmäßigen Hackathons sorgen dafür, dass die guten Ideen nicht ausgehen.

In seinen zwei Neubauten in Kiel und Lübeck setzt das UKSH gezielt auf die Möglichkeiten der Digitalisierung, um Ärzte und Pflegekräfte von Routinearbeiten zu entlasten und damit den Behandlungserfolg zu erhöhen. Hauptaufgabe war und ist es dabei laut Scholz, „die Transformation und Integration aller Systeme in eine Datenbasis zu organisieren“. Scholz: „Wir arbeiten an der Lösung mit dem klaren Ziel, dass die Information genau an der Stelle verfügbar ist, wo ich es als Arzt oder Pflegekraft brauche.“

Gesundheitsanbieter mit großem Finanzierungsbedarf

Das UKSH ist in Sachen Digitalisierung beispielhafter Vorreiter in Deutschland. Nicht nur andere Unikliniken, auch kleinere Gesundheitsanbieter sollten den eingeschlagenen Weg in Kiel und Lübeck sehr aufmerksam verfolgen. Denn eine Alternative zur Digitalisierung gibt es nicht. Covid-19 hat die Entwicklung der vergangenen Jahre jetzt im Zeitraffer beschleunigt – und wird das Tempo in Richtung noch stärkerer digitaler Gesundheitsdienstleistungen weiter beschleunigen. „Doch das bedeutet im Umkehrschluss auch einen weiter steigenden Finanzierungsbedarf. Allein mit Staatsmitteln wird die Digitalisierung des Gesundheitswesens nicht gelingen“, sagt Bankexperte Miller. Der Rat von Finanzierungspartnern mit tiefer Branchenerfahrung wie der Hamburg Commercial Bank wird in den nächsten Jahren gefragter denn je sein.

Torsten Schwarz

Gesundheitswirtschaft

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