Virtueller Hackathon für ganz reale Fortschritte im Gesundheitswesen

Juli 2020 – Der vierte „Healthcare Hackathon“ des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein wurde Corona-bedingt erstmals virtuell veranstaltet. Das Format war ein voller Erfolg: mit Rekordzahlen bei Teilnehmern und Zuschauern, aber auch eindrucksvollen Wettbewerbsbeiträgen. Die Zukunft des Gesundheitswesens – das wurde deutlich – liegt vor allem in der forcierten Digitalisierung.

Für die kleinsten Patienten und ihre Eltern ist der Aufenthalt im Krankenhaus meist mit sorgenvollen Fragen verbunden: Was erwartet mich? Was passiert mit mir? Von Ärztinnen und Ärzten sowie dem Pflegepersonal verlangt das besonderes Einfühlungsvermögen, viel Verständnis und noch mehr Zeit für die Anliegen der Kinder. Neben der notwendigen menschlichen Zuwendung kann auch moderne Technik dabei unterstützen, den Kindern Hemmschwellen und Ängste zu nehmen. Gerade Jüngere, die Mitglieder der Generation Smartphone und Tablet, könnten über spielerische Ansätze auf smarten Endgeräten auf den Klinikalltag oder eine unvermeidbare Operation besser vorbereitet werden – mit kindgerechtem mobilem Storytelling, bildschirmgerechten Icons, kleinen Erklärfilmen oder Spielen.

Auf dieser Idee beruht „FirstAid KID“ – eine App für Kinder im Krankenhaus. Die Jury beim jüngsten, vierten „Healthcare Hackathon“ des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) zeigte sich begeistert von der Idee des Entwicklerteams – und kürte FirstAid KID neben sechs weiteren Wettbewerbseinreichungen zum Sieger des eintägigen Hackathons Anfang Juni. Der rein virtuelle Hackathon fand großen Anklang bei den Teilnehmern - das spiegelt sich auch in der hohen Qualität der Beiträge wider. „Es war eine Challenge, diesen Wettbewerb erstmals komplett virtuell zu organisieren. Das ist uns voll gelungen“, sagt Professor Jens Scholz, Vorstandsvorsitzender des UKSH und Gastgeber des Hackathons. Nach den guten Erfahrungen mit der digitalen Konferenz und dem regen Zuschauerzuspruch – im Schnitt folgten mindestens 250 bis 300 Interessenten dem Livestream –, will Scholz auch bei den Folge-Hackathons in der Nach-Corona-Zeit mindestens zu einem bedeutenden Teil auf die virtuelle Karte setzen.

Der jüngste Hackathon machte vor allem eines deutlich: Corona wirkt nicht nur in Sachen Konferenztechnik wie ein Tempomacher und Katalysator. Auch die Digitalisierung des Gesundheitswesens nimmt durch das Virus und seine Folgen immer stärker an Fahrt auf. Was – wie beispielsweise die Telekonsultation von Ärzten – gestern noch undenkbar schien in Deutschland, ist seit Corona wenige Wochen später in der Fläche verfügbar, sagte Rudolf Dück, IT-Leiter des UKSH, zu Beginn des Hackathons.

Pflegeroboter mit Gesicht schaut einen an

Von der Patienten-App bis zum Medizinroboter

Die 26 „Challenges“, die von rund 130 divers zusammengewürfelten Programmierern und Gesundheitsexperten aus dem In- und Ausland binnen weniger Stunden beackert wurden, hatten einen auffallend konkreten Bezug zu aktuellen Fragestellungen im deutschen Gesundheitswesen. Allein zehn Projekte drehten sich wie FirstAid Kid um das Thema Patienten-App oder die Selbstdiagnose per Smartphone, sieben weitere befassten sich en detail mit pfiffigen Erweiterungen der Krankenhaus-IT. Zukunftsweisende Projekte rund um Robotik und Künstliche Intelligenz rundeten das Teilnahmefeld ab. Am Ende des mehrstündigen Programmierens hatte jedes Team genau vier Minuten Zeit, seine Wettbewerbsidee vor der Jury zu präsentieren.

Prozesse verbessern und beschleunigen, medizinisches Personal von unnötigen Verwaltungsarbeiten entlasten, Kosten senken und zugleich die Patientensouveränität stärken: Das sind, auf den Punkt gebracht, die Chancen der Digitalisierung im Gesundheitswesen. „Der jüngste Hackathon hat anschaulich gezeigt, was innovative Vorschläge künftig noch für Fortschritte im Gesundheitswesen bringen können – zum Wohle der Kliniken, aber vor allem der Patientinnen und Patienten“, sagt Thomas Miller. Der Executive Director Research bei der Hamburg Commercial Bank hat den Hackathon als Mitglied der Jury hautnah von Anfang bis Ende verfolgt (siehe Interview ).

Thomas Miller. Der Executive Director Research bei der Hamburg Commercial Bank

Thomas Miller, Executive Director Research bei der Hamburg Commercial Bank

Klar, viele der Ideen werden am Ende niemals umgesetzt werden. Darauf kommt es nach Millers Worten aber auch gar nicht an. „Viel entscheidender ist, dass ein Klinikum wie das UKSH von der Vernetzung mit den Start-ups profitiert und für sich den maximalen Nutzen daraus zieht. Die Uniklinik hat mit diesem Format eine Plattform für den virtuellen Austausch geschaffen, für Kreativität und Fortschritt.“ Zudem würden dadurch Menschen zusammengebracht, die sonst nicht kooperiert hätten. „Aus diesen neuen Netzwerken werden weitere Projekte entstehen. Das ist aus meiner Sicht der Hauptgewinn eines solchen Hackathons“, ist Miller überzeugt.

Die sieben Siegerteams werden sich in den nächsten Wochen und Monaten an die Feinarbeit machen. Das Ziel ist dabei fest vor Augen und, hoffentlich nach überstandener Pandemie, ganz real: die Fahrt nach Berlin zum nächsten Healthcare-Hackathon 2021.