Der neue Markt für grünen Strom

Februar 2019 – Lange Zeit wollten Unternehmen nur eines: sicheren und möglichst günstigen Strom. Im Zeitalter von Klimawandel und Nachhaltigkeit spielt jetzt aber die Herkunft der Energie für Industriefirmen wie für deren Kunden eine immer entscheidendere Rolle. Besonders in Skandinavien boomen daher sogenannte Power Purchase Agreements, bei denen einzelne Abnehmer Lieferverträge mit grünen Stromproduzenten schließen. Auch in Deutschland werden sich diese Abkommen in den nächsten Jahren durchsetzen. Die Hamburg Commercial Bank gehört zu den Pionieren auf diesem noch jungen Markt.

Ein „Becks“ gefällig, ein „Franziskaner“ oder doch lieber ein „Budweiser“? Verbraucher, die zu den Marken des Braumultis Anheuser-Busch InBev greifen, haben die große Auswahl. Seit 165 Jahren produziert das US-Unternehmen Bier und mehr für durstige Kehlen rund um den Erdball. Ein so natürliches Produkt wie Bier verkauft sich noch besser, wenn es auch möglichst umweltschonend produziert wird, dachten sich die Anheuser-Busch-Manager – und schlossen 2017 einen Vertrag mit dem Energieversorger Iderdrola. Die Spanier versorgen den Braumulti in Mexiko jetzt mit 220 Megawatt Leistung aus einem neuen Windpark.

Der Fußabdruck soll grüner werden

Anheuser-Busch ist mehr als das typische Einzelbeispiel. Besonders große US-Unternehmen und allen voran Tech-Multis wie Google, Amazon, Microsoft oder Facebook mit ihren gewaltigen, energiehungrigen Rechenzentren fragen vermehrt grünen Strom nach, um ihren „grünen Fußabdruck“ zu dokumentieren. Sei es aus purer Überzeugung, sei es aus Marketinggründen, weil sich Nachhaltigkeit bei B2B-Kunden und Endverbrauchern einfach besser vermarkten lässt. Auch europäische Unternehmen und deren Kunden stellen sich immer häufiger die Frage, woher der Strom für die Produktion und die Produkte eigentlich stammt.

Das Neue dabei: Statt den grünen Strom – wie bisher bereits möglich – „anonym“ über den Markt zu kaufen, setzt eine steigende Zahl von Unternehmen auf „Power Purchase Agreements“, kurz PPA. Dahinter stecken verschiedene Formen von Liefer- und Abnahmeverträgen – von direkten Verträgen über Durchleitungsverträge bis hin zu virtuellen Stromabnahmenverträgen – zwischen einem Stromanbieter und einem Stromabnehmer. 2017 wurden nach Berechnungen der Hamburg Commercial Bank PPA im Rekordvolumen von etwa 1,4 Gigawatt für neue Erzeugungskapazitäten abgeschlossen. Windparkprojekte dominieren dabei. Zum Vergleich: 2013 waren es erst 0,2 Gigawatt. Der bis dato weltgrößte PPA-Deal wurde in Schweden geschlossen: Die gigantischen Windmühlen des Onshore-Parks „Markbygden ETT“ mit einer Nennleistung von 650 Megawatt liefern 19 Jahre lang grünen Strom für den Aluminiumhersteller Norsk Hydro.

So funktioniert ein Power Purchase Agreement (PPA)(vereinfachte Darstellung)

So funktioniert ein Power Purchase Agreement (PPA)(vereinfachte Darstellung)

Quelle: Hamburg Commercial Bank

Schweden ist PPA-Vorreiter

Die skandinavischen Staaten und allen voran Schweden sind Vorreiter beim Thema PPA. Ende Dezember 2017 betrug das PPA-Volumen in Schweden 1.442 Megawatt, in Norwegen 702 Megawatt. Auch Großbritannien dreht das große Windrad mit 884 Megawatt PPA-Volumen Ende 2017 – und die flächenmäßig kleinen, aber windreichen Niederlande kommen immerhin noch auf 648 Megawatt zum Stichtag. Zum Vergleich: In Deutschland betrug das PPA-Volumen nach Berechnungen der Hamburg Commercial Bank Ende 2017 erst magere zehn Megawatt. In 2018 kamen in Deutschland dann immerhin weitere 56 MW hinzu.

In Deutschland sind PPAs noch weitgehend Neuland. Das hat sehr viel mit der nationalen Förderpolitik zu tun und dem im Jahr 2000 eingeführten „Erneuerbare-Energien-Gesetz“ (EEG). Doch das könnte sich ändern. Im Frühjahr 2020 jährt sich der Start des EEG zum 20. Mal. Der Anteil aus grünen Quellen am gesamten Stromverbrauch in Deutschland rangiert inzwischen bei gut 40 Prozent. Vor allem die Windkraft hat massiven Anteil daran. Das heißt aber auch: Argumente für eine anhaltend hohe Subvention gibt es damit immer weniger. Der grüne Strom ist faktisch wettbewerbsfähig geworden. Bereits in den vergangenen Jahren wurden die Subventionen für neu entstandene Anlagen drastisch gekürzt , um den Zubau besser zu steuern, aber auch um die Erneuerbaren immer stärker in die Strommärkte zu integrieren.

Grüner Strom

Durch Windkraftanlagen erzeugter Strom in Deutschland in Milliarden Kilowattstunden 2013 bis 2017

 Durch Windkraftanlagen erzeugter Strom in Deutschland in Milliarden Kilowattstunden 2013 bis 2017

Quelle: Bundesverband WindEnergie e.V.

Baldiges Förderaus für die Windräder der ersten Stunde

In rund einem Jahr läuft nun auch die üppige Förderung für die Windkraftanlagen der ersten Stunde in Deutschland aus. Nach einer Studie des Bundesverbandes WindEnergie erhalten ab dem Jahr 2021 rund 6.000 Anlagen mit einer Gesamtleistung von etwa 4.000 Megawatt keine EEG-Zuschüsse mehr. Bis 2025 kommen jährlich weitere 2.400 Megawatt hinzu, die aus der Förderung herauslaufen. Wie geht es für diese Anlagen und ihre Betreiberunternehmen weiter, wenn sie ohne jede Hilfe vom Staat weiterwirtschaften sollen und müssen? Technisch sind viele der Windparks noch in guter Verfassung. Auch bei vielen Solarparks übersteigt die technische Nutzungsdauer den Förderzeitraum von 20 Jahren.

Genau hier kommen die Power Purchase Agreements ins Spiel: Der bilaterale Vertrag gibt dem Abnehmer die Gewissheit, auf grünen Strom mit Herkunftsnachweis zu setzen. Zugleich können sich grün denkende Industrieunternehmen oder IT-Anbieter mit großem Strombedarf so langfristig Strompreise auf heutigem Niveau sichern. Denn langfristig zeigen die Preise am Großhandelsmarkt für Strom nach oben – ein Grund dafür dürften die teurer werdenden Emissionszertifikate in Europa werden. Auch die Ökostromerzeuger erhalten dank eines PPA langfristige Planungssicherheit. „Die PPA werden sich in Deutschland etablieren“, ist sich Lars Quandel sicher. Er leitet den Bereich Energie & Infrastruktur bei der Hamburg Commercial Bank.

Für viele Neuanlagen in Deutschland lohnen sich PPAs nach Quandels Worten dagegen noch nicht. Dafür müssten die Erlöse aus den Ausschreibungen von aktuell sechs bis sieben Cent je Kilowattstunde erst auf das Großhandelsniveau von drei bis vier Cent pro Kilowattstunde gesunken sein. Spätestens in zehn Jahren rechnet Quandel allerdings mit dem großen Durchbruch für Power Purchase Agreements bei Neuanlagen: „Das Feld wird jetzt bestellt. PPA sind ein Thema, mit dem sich jeder im Moment auseinandersetzt und auseinandersetzen muss.“

Der entscheidende Erfolgsfaktor für den Durchbruch von PPA in Europa ist die Antwort auf die Frage: „Rechnet sich ein Erneuerbare-Energien-Projekt auch ohne staatliche Förderung?“ „Neben der Erzielung weiterer Effizienzgewinne bei der Anlagentechnologie und beim Betrieb eines Wind- oder Solarparks ist hier auch die Entwicklung der Strompreise von besonderer Bedeutung“, sagt Quandel.

„Das Feld wird jetzt bestellt. PPA sind ein Thema, mit dem sich jeder im Moment auseinandersetzt und auseinandersetzen muss.“

Lars Quandel, Leiter Energie & Infrastruktur Hamburg Commercial Bank

Während sich die Betreiber deutscher Solar- und Windparks erst schrittweise der komplett freien Marktwirtschaft nähern, sind viele ausländische Staaten hier schon entscheidend weiter. Die Folge ist in Skandinavien, den Niederlanden, Großbritannien, aber zunehmend auch in südeuropäischen Ländern wie Portugal zu sehen: eine signifikant höhere PPA-Quote. „PPA sind für uns alles andere als Neuland. Gerade wenn es, anders als in Deutschland kein staatliches Förderprogramm gibt, ist ein PPA ein geeignetes Instrument, um die Marktpreisrisiken eines Erneuerbare-Energien-Projekts zu begrenzen“, sagt Michael Kohn, Head of Project Finance bei der BayWa r.e. renewable energy GmbH mit Sitz in München. „Mit der Hamburg Commercial Bank verbindet uns bereits eine mehrjährige Geschäftsbeziehung. Wir schätzen neben der Kompetenz bei der internationalen Projektfinanzierung vor allem das Know-how unserer Finanzierungspartner im Bereich der Erneuerbaren Energien“, unterstreicht Ralf Ketteler, Head of International Project Finance beim Bremer Windparkspezialisten wpd europe GmbH.

Weiter im Aufwind

Investitionen in neue Windkraftanlagen in Deutschland und Entwicklung der Leistung in Megawatt seit 2008

 Investitionen in neue Windkraftanlagen in Deutschland und Entwicklung der Leistung in Megawatt seit 2008

Quelle: Bundesverband WindEnergie e.V.

Wenn im Frühjahr 2020 die ersten alten Windkraftanlagen in Deutschland keine garantierten Einspeisevergütungen mehr erhalten, gibt es auch für Unternehmen hierzulande die Möglichkeit, größere Mengen an alternativem Strom mit klarem Herkunftsnachweis zu kaufen. Was in europäischen Nachbarstaaten seit Langem gang und gäbe ist, wird dann auch in Deutschland machbar sein. Erste Großunternehmen wie Mercedes-Benz arbeiten Berichten zufolge bereits konkret an PPA-Deals. Potenzielle PPA-Partner für Ökostromanbieter etablieren sich am Horizont auch mit den Betreibern neuer Power-to-X-Anlagen: Dahinter stecken Unternehmen, die mithilfe innovativer Verfahren alternative Kraft- und Brennstoffe erzeugen. Um etwa treibhausgasneutrale E-Fuels herzustellen, die Diesel oder Benzin im Auto überflüssig machen, ist viel regenerativer Strom erforderlich.

PPA bietet viele Spielarten

So einfach PPA-Abkommen auf den ersten Blick erscheinen mögen – ein Ökostromerzeuger schließt einen Vertrag mit einem Direktabnehmer –, so kompliziert sind diese in der Praxis. Neben dem häufigsten Fall, dem „physischen PPA“, bei dem der Strom direkt vom Erzeuger an den Abnehmer geliefert wird und die Vertragsdauer üblicherweise der Projektnutzungsdauer entspricht, gibt es die Möglichkeit von „synthetischen PPAs“ in zwei Ausprägungen. Hier wird der Strom entweder ins Netz geliefert, an anderer Stelle entnommen und über einen Intermediär abgewickelt. Oder es findet gar keine Energielieferung zwischen den Vertragsparteien statt. Vielmehr wird der grüne Strom vergleichbar mit einem Derivat über den Großhandelsmarkt vermarktet beziehungsweise bezogen. Das ist arg komplex und verschachtelt, zumal in beiden synthetischen Spielarten die Vertragslaufzeit selten der Finanzierungslaufzeit entspricht.

Das erfordert viel Know-how aufseiten der Finanzierungspartner, die langfristig erfolgreich zwischen der Stabilität des Cashflows, der Fremdkapitalquote und der Kreditlaufzeit eines PPA austarieren müssen. Zum Mengen- und Preisrisiko kommen bei direkten PPA-Deals auch noch das Leistungsrisiko beim Stromerzeuger sowie das Bonitätsrisiko des einzigen Abnehmers hinzu. All das richtig einzuschätzen und zu bepreisen, erfordert Spezialistenwissen. Die Experten der Hamburg Commercial Bank beschäftigen sich bereits seit vielen Jahren im In- und Ausland mit den teils besonderen Spielregeln in diesem Geschäft und den entsprechend maßgeschneiderten Finanzierungsbedürfnissen. „Bei Power Purchase Agreements agieren wir nicht nur als Projektfinanzierer. Wir helfen mit unseren etablierten Marktkontakten den Betreibern eines Wind- oder Solarparks auch dabei, Investoren und vor allem direkte Abnehmer für ihren grünen Strom zu finden“, erklärt Lars Quandel. Das kommt in Skandinavien oder Südeuropa bestens an bei den Kunden ¬– und demnächst auch in Deutschland.

Branchenstudie „Corporate PPA - Going Green“

Die Branchestudie beleuchtet, was hinter Corporate PPA steckt und betrachtet PPA aus Sicht des Finanzierers von EE-Projekten. Sie haben Interesse an der vollständigen Studie "Corporate PPA - Going Green"? Senden Sie einfach eine E-Mail mit dem Betreff „Corporate PPA“ an inka.klinger@hcob-bank.com und Sie erhalten die vollständige Studie.