Paneldiskussion auf dem Gesundheitswirtschaftskongress

September 2019 – „Patient krank und dennoch autonom? Wie sich Gesundheitsunternehmen auf autonomere Patienten einstellen müssen“ lautete der Titel einer gut besuchten Paneldiskussion auf dem „15. Gesundheitswirtschaftskongress“ in Hamburg.

Eingeladen dazu hatte die Hamburg Commercial Bank. 90 Minuten lang diskutierten die Podiumsteilnehmer unter der Moderation von Thomas Miller, Executive Director bei der Hamburg Commercial Bank, angeregt über den Siegeszug der Digitalisierung im Gesundheitswesen und die sich daraus ergebenden Folgen für die Marktteilnehmer wie Ärzte, Krankenhäuser oder Krankenversicherungen.

Einig waren sich alle Panelteilnehmer darüber, dass Patienten immer autonomer werden. Dabei helfen ihnen die Datenhoheit über fortlaufend relevanter werdende Gesundheitsdaten sowie immer mächtigere digitale Werkzeuge. Entsprechend sind die Akteure des Gesundheitswesens gefordert: Denn gerade die autonomen Patienten „stimmen mit den Füßen ab“, gehen also dorthin, wo ihre Bedürfnisse ernst genommen werden.

An dieser Stelle präsentieren wir die Kernaussagen der Diskutanten:

Dr. Barbara Böttcher, Vice President und Partner für Healthcare/Life Sciences in der Region DACH der IBM Deutschland GmbH mit Sitz im baden-württembergischen Ehningen:

„Heute verbringen Ärzte 30 Prozent und Pflegepersonal bis zu 70 Prozent ihrer Zeit mit administrativen Aufgaben.“

„Vor allem Ärzte sollten entlastet werden – und sich auf den wichtigen persönlichen Dialog mit den Patienten konzentrieren. Hier können weitere Fortschritte in der Digitalisierung der Arbeit für viel Entlastung sorgen.“

„Durch die fortschreitende Digitalisierung entstehen komplett neue Berufsbilder. Die IT-Krankenschwester ist Vision, aber eine durchaus realistische.“

„Deutschland muss aufpassen, dass es nicht den Anschluss verpasst. Die wirkliche Digitalisierung des Gesundheitswesens findet vor allem in anderen Ländern wie den USA, statt.“

Markus Kamrad, Leiter Unternehmenskommunikation der BKK VBU in Berlin:

„Die Patienten rüsten sich digital auf, die Krankenhäuser rüsten auf, die Krankenkassen rüsten auf. Nur niedergelassene einzelne Ärzte kommen beim Tempo der Digitalisierung derzeit noch nicht mit. Sie sollten und dürfen nicht den Anschluss verlieren. Die Kassenärztliche Vereinigung sollte dazu in die Pflicht genommen werden.“

„Gerade beim Thema Prävention gibt es viel Luft nach oben. Hier können digitale Helfer wie Wearables viel Positives beitragen.“

Maximaler PtX-Anteil ausgewählter Sektoren im Jahr 2050

Sandro von Korff, Leiter Gesundheitswirtschaft der Hamburg Commercial Bank:

„In der Gesundheitswirtschaft steckt noch viel Potenzial für mehr Effizienz. Gerade im Verwaltungsbereich, etwa bei den Kliniken, gilt es, Ballast abzuwerfen.“

„Besonders in den vergangenen zwei Jahren hat sich die Branche disruptiv verändert.“

„Patientenautonomie bedeutet in erster Linie eines: Der Mensch muss so individuell behandelt werden, wie er es sich wünscht und wie es auf medizinischer Sicht für ihn am besten ist.“

„Gute Daten und ein kompetenter Umgang mit ihnen stärken das Vertrauen in die Medizin und das konkrete Verhältnis zu meinem Arzt.“

Friedrich Lämmel, Mitgründer und Geschäftsführer der Thryve | mHealth Pioneers GmbH in Berlin:

„Das Neue und Fazinierende etwa an Wearables und Apps ist: Ich als Patient erhebe die Daten selbst. Ich habe damit sogar einen Informationsvorsprung vor meinem Arzt.“

„Noch besitzen die Ärzte ob ihrer qualifizierten Ausbildung die Deutungshoheit über die Daten. Doch es kommen zunehmend Anwendungen auf den Markt, die gesammelte Daten automatisch auswerten, Krankheitswahrscheinlichkeiten berechnen und gleich die passende Medikation empfehlen.“

Dr. Alfred Lohninger, Gründer, CEO und Medizinischer Direktor der Autonom Health Gesundheitsbildungs GmbH in Wien:

„Wir brauchen statt eines Disease Management ein Health Management.“

„Mensch und Maschine sind immer noch besser als die Maschine allein.“

„Beim Abrufen und Abgleich von Daten geht es immer um das Erkennen von Mustern. Der Arzt, der Ihnen heute den Puls fühlt, arbeitet auch nach Mustern. Mit der Digitalisierung werden Verfahren zur Mustererkennung nur viel erfolgreicher und weniger zufallsabhängig. Mehr Daten geben mehr Orientierung.“

Prof. Dr. Jens Scholz, MBA, Vorstandsvorsitzender und Vorstand für Krankenversorgung des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Kiel und Lübeck

„Die Patienten haben sich gewandelt. Dann müssen wir uns auch wandeln.“

„Wir müssen die Patienten so unterstützen und so selbstbewusst machen, dass sie die richtigen Fragen stellen und ihren Ärzten auf Augenhöhe begegnen.“

„Wir müssen weg von der Zwei-Minuten-Medizin. Patienten stimmen sonst mit den Füßen ab und gehen dorthin, wo sich Mediziner Zeit für sie nehmen.“

„Medizin ist und bleibt stets mehr als die Analyse von Daten.“

„Wir werden eine Trennung erleben: Bagatellkrankheiten wie Erkältungen werden bald auch mit Chatbots behandelbar sein. Da braucht es mitunter keinen Arzt mehr und schon gar keine Notfallambulanz am Wochenende. Das eröffnet Medizinern mehr Freiräume, sich intensiver um die wirklichen Problemfälle zu kümmern.“

„Die Digitalisierung führt dazu, dass jeder am weltweiten Fortschritt der Medizin teilhaben kann. Die Grenzen und auch die Sektorgrenzen im deutschen Markt werden fallen.“

„Das kluge Sammeln und Auswerten von Daten macht die Medizin immer besser. Wir sind 2019 ja noch nicht am Ende der Erkenntnisse angelangt. Es gibt noch so viele medizinische Fragen, auf die wir heute keine Antworten haben.“