Mündige Patienten als Treiber der Gesundheitswirtschaft

September 2019 – Die Medizin wird immer digitaler. Der Siegeszug der Daten revolutioniert die Gesundheitswirtschaft, sorgt für Innovationen durch Start-ups, aber auch bei etablierten Anbietern und stößt nicht zuletzt bei den Patienten selbst auf großes Interesse, wie eine aktuelle Studie mit Onlinebefragung der Hamburg Commercial Bank zeigt.

Mitte September war Hamburg abermals der „Place2Be“ für die klügsten und mutigsten Köpfe im deutschen Gesundheitswesen. In der Hansestadt fand der „15. Gesundheitswirtschaftskongress“ statt. Die Hamburg Commercial Bank, als ein Partner der Veranstaltung, ist seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Gesundheitswirtschaft eng vernetzt und zählt zu den führenden Finanzierern, wenn Kliniken, Pflegeeinrichtungen, Medizintechnik- oder Pharmaunternehmen in Deutschland in ihre Zukunft investieren.

Ein zentrales Thema des Kongresses in Hamburg: der immer größere Siegeszug der E-Health-Angebote und die daraus entstehenden Folgen für Markt, Wettbewerb und das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten.

Zusatzbeitrag: Paneldiskussion auf dem GWK

„Es gibt einen klar erkennbaren Wunsch nach mehr Patientenautonomie. Das Thema bewegt Patienten aller Altersklassen.“

Sandro von Korff, Leiter Gesundheitswirtschaft Hamburg Commercial Bank

Patienten drängen auf Mitsprache

Geht es um die Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft, sind Kritiker schnell zur Stelle. Die Medizin werde durch Telemedizin oder tragbare Medizincomputer, die sogenannten Wearables, entmenschlicht, kühl und technokratisch. Fragt man indes die Patienten selber, was die Hamburg Commercial Bank jüngst getan hat, sieht die Realität anders aus. Zentrales Ergebnis der Onlinebefragung zu Treibern, Hindernissen und Erfahrungen mit der Patientenautonomie: „Es gibt den klar erkennbaren und formulierten Wunsch nach mehr Patientenautonomie“, sagt Sandro von Korff, Leiter Gesundheitswirtschaft bei der Hamburg Commercial Bank. „Das Thema interessiert und bewegt Patienten aller Altersklassen.“ Thomas Miller, Research Executive Director bei der Hamburg Commercial Bank, zieht einen weiteren Schluss aus den Resultaten der Befragung: „Patienten sind in Sachen E-Health oftmals weiter und stehen dem Thema aufgeschlossener gegenüber als die Ärzte selbst.“ Auch Max Müller, Vorstand und Chief Strategy Officer bei der Onlineapotheke DocMorris, ist überzeugt: „Der Patient ist der Treiber für den digitalen Fortschritt im Gesundheitswesen.“

„Der Patient ist der Treiber für den digitalen Fortschritt im Gesundheitswesen.“

Max Müller, Vorstand und Chief Strategy Officer DocMorris

Wearables-Kunden sind Vorreiter – und doch enttäuscht

250 Patienten füllten den 40 Fragen umfassenden Onlinefragebogen der Bank aus. Diese Stichprobengröße erlaubt es, statistisch signifikante Aussagen abzuleiten. Drei unterschiedliche Gruppen wurden dazu um ihre Meinung gebeten: erstens gesetzlich krankenversicherte Mitglieder der Betriebskrankenkasse VBU, dazu zweitens die Teilnehmer des Gesundheitskongresses in Hamburg und schließlich die dritte Gruppe „Advanced“: Wearable-Nutzer des Services von „Autonom Health“, die ihre Herzfrequenzaktivität rund um die Uhr im Blick haben.

Mehr als vier von fünf Teilnehmern wünschen sich mehr Patientenautonomie und sind dafür auch bereit, mehr Verantwortung zu tragen. Zudem ist fast jeder vierte Befragte der Ansicht, dass mehr Patientenautonomie zu einer besseren Gesundheit der Bevölkerung beiträgt. Für eine stärkere marktwirtschaftliche Ausrichtung des Gesundheitssystems spricht sich dagegen weniger als die Hälfte der Befragten aus. Nur die Gruppe der „Advanced“-Kunden erhofft sich mehr marktwirtschaftliche Anreize im Gesundheitswesen, ist überwiegend enttäuscht vom Gesundheitsmanagement der Ärzte und Kassen und hat am wenigsten Vertrauen in Ärzte.

„Patienten sind in Sachen E-Health oftmals aufgeschlossener als die Ärzte selbst.“

Thomas Miller, Research Executive Director Hamburg Commercial Bank

Doch auch bei den anderen Befragten scheint das Vertrauen in die einstigen „Halbgötter in Weiß“ zumindest Risse bekommen zu haben. Anders formuliert: Ärzte oder Krankenhäuser müssen sich wandeln und ein Stück weit neu erfinden, um verlorengegangenes Vertrauen wiedergutzumachen. Eine überragende Mehrheit der Befragten äußerte in der Studie die Meinung: Die Sektoren im Gesundheitssystem – ob ambulant, stationär, ob Pflege, Reha oder Physiotherapie – müssen zukünftig effektiver um den einzelnen Patienten herum zusammenarbeiten, ihre Informationen austauschen und bewerten. E-Health-Angebote könnten da zum entscheidenden Baustein werden. Etwa dann, wenn Gesundheitsdaten systematischer als bisher erfasst und frühzeitig richtig bewertet werden.

„Eines der Hauptprobleme im deutschen Gesundheitswesen, das überdies Milliarden Euro an Mehrkosten verursacht, ist die einseitige Fokussierung auf die Behandlung von Krankheiten und Kranken“, sagt Sandro von Korff. „Doch Kundenorientierung heißt, nicht nur Krankheiten zu behandeln, sondern Gesundheit zu managen.“ E-Health-Angebote wie Wearables bieten die Chance, dem Thema Prävention viel mehr Bedeutung zu widmen. Das rechnet sich – für alle. Die „Verjüngung“ der Gesamtbevölkerung um ein Jahr, durch massiv ausgeweitete Präventionsarbeit, könnte die Kosten im deutschen Gesundheitswesen um rund zehn Milliarden Euro jährlich reduzieren, hat das Researchteam um Thomas Miller errechnet.

Zufriedenheit mit Erfahrung als autonomer Patient

Durchschnittlicher Score nach Zielgruppen auf einer Skala von 1 („stimme überhaupt nicht zu“) bis 5 („stimme voll zu“) [Quelle/Source: Hamburg Commercial Bank]

Gesundheitsdaten: Ärtze nutzen diese Ressource eher weniger

Likert-Score der Erfahrungen mit Patientenautonomie (Quelle/Source: Hamburg Commercial Bank)

Deutschlands Gesundheitswirtschaft: Rückgrat der Volkswirtschaft

Hoher Wertschöpfungsanteil

Die deutsche Volkswirtschaft gibt mittlerweile zwölf Prozent ihrer Wertschöpfung in der Gesundheitswirtschaft aus. Pro Tag sind das mehr als eine Milliarde Euro. 7,6 Millionen Menschen haben dort laut Bundeswirtschaftsministerium ihren Arbeitsplatz – das sind 17 Prozent und damit jeder sechste Arbeitnehmer. Zudem weist die Gesundheitswirtschaft im Vergleich zur Gesamtwirtschaft seit Jahren überdurchschnittliche Wachstumsraten auf.

Hohe Dynamik

„Die Digitalisierung beschleunigt den Umbruch im System Gesundheitswirtschaft. Der technische Fortschritt bringt bisher unbekannte Behandlungsmethoden und neue wirtschaftliche Chancen“, sagt Sandro von Korff, Leiter Gesundheitswirtschaft bei der Hamburg Commercial Bank. Durch Spezialisierung und Vernetzung verschieben sich zahlreiche Rollen und Perspektiven in diesem Wachstumsmarkt.

Hoher Investitionsbedarf

Die Gesundheitsbranche steht vor einer goldenen Zukunft – aber zugleich vor einem immensen Investitionsberg, um diese Zukunft möglich zu machen. Die Summen, um die es geht, sind erheblich. Nach Berechnungen des Researchteams der Hamburg Commercial Bank muss ein durchschnittliches Krankenhaus knapp 20 Millionen Euro für E-Health-Investitionen kalkulieren. Für Arzt- und Zahnarztpraxen ergeben sich im Schnitt digitale Investitionskosten von etwa 250.000 Euro.