Weichenstellung für die Windkraft

August 2019 – Die deutsche Windkraftbranche ist erwachsen geworden und durchlebt aktuell ihre erste schwere Krise. Der Zubau stockt, die Zeit üppiger Förderungen ist vorbei. Doch selbst für Altanlagen an windstarken Standorten gibt es gute Perspektiven: dank pfiffiger Nachnutzungskonzepte, neuen langfristigen Stromlieferverträgen für grüne Energie und technologischen Innovationen. Als Projektfinanzierer mit tiefem Branchen-Know-how begleitet die Hamburg Commercial Bank den Wandel aktiv mit.

Wenig mehr als ein Jahr noch, dann müssen die ersten schon seit 20 Jahren laufenden Windenergieanlagen allein am Markt bestehen. Ohne staatliche Subventionen. Im Frühjahr 2020 jährt sich der Start des von der Bundesregierung unter Gerhard Schröder eingeführten „Erneuerbare-Energien-Gesetzes“ (EEG) zum 20. Mal. Das EEG ist ein Erfolgsmodell – es hat die Stromerzeugungskosten aus Solar- und Windenergie bereits fast zur Wettbewerbsfähigkeit mit fossilen Energieträgern getrieben. Und ohne den kräftigen Ausbau von Windenergie- und Photovoltaik (PV) wäre der baldige Ausstieg aus der Atomenergie und mittelfristig auch aus der Kohleverstromung nicht machbar.

Der Anteil der grünen Quellen an der gesamten Stromproduktion in Deutschland rangiert inzwischen bei fast 40 Prozent. Vor allem die Windkraft trägt großen Anteil daran. Die einst milde belächelte Branche ist groß und erwachsen geworden. Bei einer konsequenten Weiterentwicklung sollten künftige Anlagenmodelle schon bald ohne Förderung am Markt zurechtkommen können.

Für die Projektierer, Investoren und Betreiber von Windparks wachsen die Herausforderungen. Aber auch für die amtierende Bundesregierung: Deutschland hat sich dazu verpflichtet, den Anteil erneuerbarer Energien am gesamten Strommix bis zum Jahr 2030 auf dann 65 Prozent zu erhöhen. Den Großteil davon soll die Windenergie liefern. Ende 2018 gab es nach Angaben des Bundesverbandes WindEnergie insgesamt gut 29.000 Windenergieanlagen an Land. Diese steuern rund ein Fünftel zur gesamten deutschen Stromproduktion bei. Der Branchenverband geht davon aus, dass es einen jährlichen Kapazitätszubau von mindestens 4,5 Gigawatt braucht, um das 65-Prozent-Ziel in elf Jahren zu erreichen. Das entspricht etwa 1.200 neu gebauten Anlagen pro Jahr. Doch der Bau neuer Windkraftanlagen in Deutschland ist massiv eingebrochen. So lag die neu installierte Anlagenleistung 2018 mit 2,4 Gigawatt um rund 55 Prozent unter dem Vorjahresvolumen. Und im ersten Halbjahr 2019 gingen gerade einmal noch 86 neue Anlagen mit einer Kapazität von 0,3 Gigawatt in Betrieb. Mit diesen Zubauraten verkommen die Klimaziele zu einer Illusion, warnte jüngst die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin.

„Neue Formen der finanziellen Teilhabe betroffener Bürger nötig“

Was sind die Gründe für diese Entwicklung? „Die Ursachen der Krise sind hausgemacht. Die Flächen für neue Windparks werden knapper, und es fehlt schlichtweg an rechtssicher umsetzbaren baureifen Projekten. Wo es Flächen gibt, ziehen sich die Genehmigungsverfahren in die Länge. Mehr als 1.000 Bürgerinitiativen engagieren sich mittlerweile gegen den Bau neuer Anlagen“, sagt Nils Driemeyer, Global Head Renewable Energy bei der Hamburg Commercial Bank. „Hier ist die Bundesregierung gefordert, schnell die Rahmenbedingungen anzupassen, um eine dauerhaft ausreichende Projektentwicklungstätigkeit zu ermöglichen.“ Doch auch die Projektierer und Flächeneigentümer müssen im Hinblick auf die nötige Bürgerakzeptanz seiner Überzeugung nach mehr tun. „Es reicht nicht, die Bürger frühzeitig und transparent über ein neues Projekt zu informieren und dieses für finanzielle Kapitalbeteiligungen der Bürger zu öffnen. Gebraucht werden auch neue Formen der finanziellen Teilhabe betroffener Bürger.“

Ende kommenden Jahres nun laufen die Windkraftanlagen der ersten Stunde aus ihrer 20-jährigen Förderung heraus. Jahr für Jahr muss dann eine große Zahl von Altanlagen – die „Ü20-Anlagen“ – den Weiterbetrieb ohne Förderung bewerkstelligen – oder stillgelegt werden. Bis 2025 sind davon mehr als die Hälfte des derzeitigen Anlagenbestands an Land und 30 Prozent der installierten Nennleistung betroffen. Angesichts des Einbruchs beim Bau neuer Windparks ist es essenziell, solche Altanlagen profitabel weiterbetreiben oder alternativ durch leistungsstarke moderne Anlagen „repowern“ zu können, um bei der Erreichung der Klimaziele nicht noch weiter ins Hintertreffen zu geraten.

„Das Marktpotential für PPA auch in Deutschland ist immens.“

Nils Driemeyer, Global Head Renewable Energy Hamburg Commercial Bank

Ü20-Anlagen an windstarken Standorten haben eine Zukunft

Das Auslaufen der staatlichen Förderung bedeutet keineswegs das Ende für eine Ü20-Anlage. Ob ein profitabler Weiterbetrieb einer technisch noch leistungsfähigen Altanlage im Einzelfall möglich sein wird, hängt dabei von vielen Faktoren ab. Neben dem Wartungskonzept sind hier die künftige Strompreisentwicklung und die Vermarktungsstrategie von zentraler Bedeutung. Windmühlen an windstarken Standorten haben weiter Potenzial – nicht zuletzt dank der sogenannten Power Purchase Agreements, kurz PPA. Dahinter stecken Liefer- und Abnahmeverträge zwischen einem Stromerzeuger und einem Stromabnehmer. Abnehmer des grünen Windstroms sind dabei Unternehmen, die sich das Thema Nachhaltigkeit auf ihre Fahnen geschrieben haben. Sie wollen gegenüber ihren Kunden, Lieferanten und der Öffentlichkeit ausweisen, von welchen Anlage genau ihr Strom stammt. „Das Marktpotenzial für PPA auch in Deutschland ist immens“, sagt Driemeyer voraus.

Das steckt hinter PPAs

Was tun mit Ü20-Anlagen nach dem Auslauf ihrer EEG-Förderung?

Einem Anlagenbetreiber stehen grundsätzlich die Optionen „Weiterbetrieb“, also die Direktvermarktung der Stromerzeugung am Markt auf ungeförderter Basis, das „Repowering“ der Anlage(n) durch den Bau neuer leistungsstärkerer Anlagen sowie die ersatzlose „Stilllegung und Rückbau“ offen. Alternativ ist gegebenenfalls auch ein Verkauf der Anlage(n) möglich.

Welche grundlegenden Stromvermarktungsstrategien bieten sich für Ü20-Anlagen?

Drei Vermarktungsansätze (sowie Mischformen davon) sind möglich:

  • Verkauf über einen Direktvermarkter über die Strombörse zum jeweiligen Marktpreis, gegebenenfalls mit teilweiser Absicherung des Preisrisikos (zum Beispiel über die Stromterminbörse),
  • Verkauf zum Festpreis an ein endverbrauchendes Unternehmen im Rahmen eines PPA-Vertrags mitsamt Übertragung von Herkunftsnachweisen,
  • Verkauf an einen Energieversorger oder -händler im Rahmen eines PPA-Vertrags mit Begrenzung des Preisrisikos auf eine bestimmte Preisbandbreite mitsamt Übertragung von Herkunftsnachweisen.

Was genau ist ein PPA?

PPA ist die Abkürzung für Power Purchase Agreement. Ein PPA ist ein langfristiger Stromliefervertrag, der zwischen einem Stromerzeuger und einem abnehmenden Unternehmen abgeschlossen wird und vor allem die Liefermengenverpflichtung definiert und den Preis für die gelieferte Strommenge festlegt.

Wie funktioniert ein PPA?

Wenn nicht gerade eine direkte Stromleitungsverbindung zwischen Erzeuger und PPA-Abnehmer besteht, erfolgt die Stromlieferung zwischen den Parteien über das öffentliche Stromnetz. Der Stromerzeuger wickelt die Stromflüsse, die Vergütungszahlungen sowie die Übertragung der Herkunftsnachweise für den erzeugten grünen Strom gewöhnlich über einen Stromhändler ab. Dieser ist – im Falle eines Baseload-PPA – auch mit der Vermarktung anfallender Erzeugungsüberschüsse beziehungsweise der Beschaffung von Fehlmengen über die Strombörse beauftragt.

Power Purchase Agreement

Power Purchase Agreement

Was bringen PPA beim Weiterbetrieb von Altanlagen?

Sie erlauben für die gesamte Stromerzeugung während der Vertragslaufzeit eine Übertragung des Preisrisikos und des Liefermengenrisikos auf den Stromabnehmer („Pay as produced-PPA“). Für eine solche Risikoübernahme lässt sich der PPA-Stromabnehmer allerdings durch einen Abschlag beim PPA-Festpreis kompensieren. Alternativ kann der Vertrag als „Baseload-PPA“ ausgestaltet werden, bei dem der Stromerzeuger feste Liefermengenverpflichtungen eingeht, hierfür aber einen im Vergleich zum Pay as produced-PPA höheren Festpreis vereinbart werden kann. Bei Baseload-PPA hat der Anlagenbetreiber im Falle von Abweichungen von der festgelegten Liefermenge Mehr- beziehungsweise Mindermengen über die Strombörse zu verwerten beziehungsweise zu beschaffen und trägt hierfür das Preisrisiko.

„Der optimale Investor eines Windparks kann auch aus dem Ausland kommen. Der Zugang zu internationalen Investoren ist entscheidend.“

Dr. Roland Schulz, M&A Transaktionen Energy Hamburg Commercial Bank

Als einer der führenden Projektfinanzierer in Europa bietet die Hamburg Commercial Bank ihren Kunden verschiedene Dienstleistungen rund um den Abschluss eines PPA. Gestützt auf Erfahrungen in den skandinavischen Windenergiemärkten, berät die Bank etwa bei der PPA-Vertragsgestaltung und unterstützt bei der Suche nach geeigneten Stromabnehmern. Daneben beraten die Spezialisten der Bank Projektentwickler und Anlagenbetreiber u.a. beim Verkauf von Windparks. So hat das M&A-Team der Hamburg Commercial Bank jüngst die getproject GmbH & Co. KG, den Kieler Projektentwickler und Betreiber von Onshore-Windenergieanlagen in Deutschland, beim Verkauf ihrer Anteile an zwei schlüsselfertigen Windparks in Brandenburg beraten. Die Windparks, die im Juni und im September vergangenen Jahres ans Netz gegangen sind, haben eine Gesamtnennleistung von 20 Megawatt. Käufer war die EWE Erneuerbare Energien GmbH, ein Tochterunternehmen des Oldenburger Energieversorgers EWE AG. „Abhängig von den jeweiligen Parametern eines Windparks kann der optimale Investor aber auch aus dem Ausland kommen. Für einen erfolgreichen Verkauf eines Windparks ist daher auch der Zugang zu internationalen Investoren entscheidend. Hier ist die Bank durch ihr breites internationales Netzwerk sehr gut aufgestellt“, erklärt Dr. Roland Schulz, der bei der Hamburg Commercial Bank die Beratung bei Transaktionen im Bereich Erneuerbare Energien verantwortet.

„Auch künftig werden Windenergieanlagen in Deutschland produziert werden. Es gibt eine Vielzahl an Entwicklungen, die der Windenergie in die Karten spielen.“

Nils Driemeyer, Global Head Renewable Energy Hamburg Commercial Bank

Immer höher hinaus

Durchschnittliche Größe und Leistung von Onshore-Windkraftanlagen 2000 bis 2018 (Quelle: Bundesverband für Windenergie)

Chancen für einen Aufschwung in der Windbranche

Drohen der Windenergiebranche als Folge des aktuellen Einbruchs beim Zubau jetzt – so wie schon der Solarindustrie vor einigen Jahren – eine Pleitewelle, Werksschließungen und Massenentlassungen? „Nein,“ hält Driemeyer entschieden dagegen, „auch künftig werden Windenergieanlagen in Deutschland produziert werden.“ Nach den Worten des Bankexperten für erneuerbare Energien gibt es vielmehr „eine Vielzahl an Entwicklungen, die der Windenergie in die Karten spielt und für neuen Branchenauftrieb sorgen dürfte“. Dazu gehören neben der zunehmenden Internationalisierung der Branche und dem Repowering auch die Entwicklung der Speichertechnologien sowie nicht zuletzt die Entwicklung von Power-to-X-Technologien. Dabei werden alternative Energieträger wie Wind oder Sonne genutzt, um etwa Wasserstoff für Brennstoffzellen oder flüssige synthetische Treibstoffe für Flugzeuge zu produzieren.

Ende des Booms

Neu installierte Anlagenkapazität an Land in Deutschland in MW [Quelle: Bundesnetzagentur; Deutsche WindGuard GmbH (Stand: Juni 2019)]

Das steckt hinter Power-to-X

Was ist Power-to-X?

Power-to-X ist ein Sammelbegriff für Technologien, mit denen Strom(überschüsse) aus erneuerbaren Energien wie Solarstrahlungsenergie, Windenergie oder Wasserkraft dazu verwendet werden, aus zum Beispiel Wasser und CO2 flüssige oder gasförmige Energieträger zu produzieren.

Wie funktioniert Power-to-X?

Technische Grundlage ist stets die Wasser-Elektrolyse. Mit ihrer Hilfe wird Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff aufgespalten. Der so gewonnene Wasserstoff kann unter Verwendung von Kohlendioxid aus der Umgebungsluft in weiteren Prozessschritten zur Erzeugung von synthetischen gasförmigen oder flüssigen Kohlenwasserstoffen (E-Methan, E-Fuels) genutzt werden.

Was bringt das?

Mit Power-to-X-Lösungen können klimaneutrale Kraft- oder Brennstoffe hergestellt werden. Voraussetzungen dafür: Der Strom für das Aufspalten des Wassers muss aus regenerativen Energien stammen und das benötigte Kohlendioxid aus der Athmosphäre entnommen werden. Power-to-X ermöglicht die dringend notwendige Koppelung der Sektoren: Während etwa im Strombereich die Erneuerbaren schon bemerkenswerte Marktanteile innehaben, beruht etwa der Verkehrssektor weitgehend noch auf fossilen Energieträgern. Wenn künftig grüne Energie sowohl zum Antrieb von mehr E-Fahrzeugen als auch zur Erzeugung klimaneutraler Kraftstoffe verwendet würde, wären die Sektoren Stromerzeugung und Verkehr erstmals wirklich gekoppelt.

Was macht die Politik?

Lange Zeit waren E-Fuels und Co. nur ein Thema für Fachkreise. Doch auch die Politik hat nun erkannt, dass es schwierig wird mit der Klimawende, wenn der Fokus nur auf die E-Mobilität ausgerichtet wird. Jüngst machte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier mit dem Plan Schlagzeilen, in bundesweit 20 „Reallaboren“ Wasserstoff und alternative Energiespeicher im industriellen Maßstab zu erproben. Dafür stehen nach seinen Worten mindestens rund 100 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung.