Der Wochenkommentar

Resiliente Globalisierung

März 2022 Unternehmen und der Staat müssen jetzt mit Warpspeed handeln und den Weg zu einer neuen Form der Globalisierung finden.

.

Dr. Cyrus de la Rubia

Die Globalisierung ist nicht tot, aber ihr Gesicht verändert sich. Mit dem Wort Globalisierung wurde insbesondere der weltweite Handel mit Gütern verstanden, der den Aufbau hocheffizienter globaler Wertschöpfungsketten erlaubte. Die Königsdisziplin nannte sich in diesem Zusammenhang just in time Produktion. Teure Lagerbestände wurden minimiert zugunsten einer ausgeklügelten, sich über den gesamten Globus erstreckenden Transportlogistik zu Wasser, Luft, Schiene und Straße, bei der jedes Schräubchen just in dem Moment angeliefert wurde, wenn es in der Produktionsstraße gerade benötigt wurde. Als in den USA mit Donald Trump ein Präsident gewählt wurde, der den Freihandel bekämpfte, wurde überdeutlich, wie rasch sich die Rahmenbedingungen grundlegend ändern können.

Verfügbarkeit ist Trumpf

Spätestens mit dem Ausbruch von Covid-19 und der Invasion Russlands in der Ukraine sind nahezu alle Unternehmen wachgerüttelt worden: Die Welt ist eine andere. An erster Stelle steht nicht mehr der preisliche Wettbewerb, sondern die Lieferfähigkeit. Diese ist aber nur gewährleistet, wenn die Lieferketten für die Vorleistungen resilient gegenüber unerwarteten Ereignissen sind. Verfügbarkeit ist Trumpf und Geiz ist gar nicht geil.Sowohl Unternehmen als auch der Staat müssen entsprechend handeln, schon aus reinem Eigeninteresse. Für Unternehmen geht es gegebenenfalls um das Überleben, für den Staat geht es vordergründig um zukünftige Steuereinnahmen, tatsächlich aber um den Wohlstand des Landes und – auf der Ebene der Politik – um Wiederwahlchancen. Der Fall eines drohenden Erdgaslieferstopps durch Russland zeigt beispielhaft, worum es geht und was zu tun ist. Der Sachverständigenrat für die gesamtwirtschaftlich Entwicklung hat – unter Hinweis auf die erheblichen Unsicherheiten dieser Kalkulation – ausgerechnet, dass die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 2 % niedriger ausfallen würde, wenn Russland 75 % weniger Erdgas liefert. Auf der Unternehmensebene können die Folgen dramatisch sein. Das Chemieunternehmen BASF geht davon aus, dass sein Verbundstandort in Ludwigshafen mit 40.000 Beschäftigten bei einer Reduktion der Gaslieferungen um 50 % seine Produktion einstellen muss. Eine besonders große Abhängigkeit von Erdgaslieferungen besteht auch in der metallverarbeitenden Industrie und in der Lebensmittelindustrie. Zusammen mit dem Chemie- und Pharmasektor stehen diese Branchen für 5 % des BIP. Dass ein Lieferstopp-Szenario wahrscheinlicher geworden ist, zeigt die Ausrufung der ersten Stufe eines Notfallplans Ende März für eben diesen Fall durch das deutsche Wirtschaftsministerium.

Mit Warpgeschwindigkeit

Um die mit einem Erdgaslieferstopp verbundenen Risiken zu minimieren, müssen Unternehmen und Staat mit Warpgeschwindigkeit – Raumschiff-Enterprise Fans wissen, worum es geht – Schritte einleiten, um die Abhängigkeit von russischen Energieimporten drastisch zu reduzieren. Kurz- und mittelfristig geht es um Einsparungen, das Einkaufen von LNG aus anderen Ländern, einschließlich des beschleunigten Baus von LNG-Terminals und das Hochfahren von Kohlekraftwerken.Mittel- bis langfristig muss der Ausbau der Wind- und Solarenergie mit aller Stärke vorangetrieben werden. Man sollte darauf verzichten, schon im nächsten Jahr mit dem Schuldenbremsklotz diese Prozesse zu behindern. Wichtig bei alledem ist außerdem: Die Preise für Erdgas sollten nicht manipuliert werden, sodass die Preissignale bei den Unternehmen und privaten Haushalten ankommen und Anreize für entsprechende Investitionen und Sparmaßnahmen gesetzt werden. D. h. nicht, dass der Staat keine Hilfen leisten sollte. Im Gegenteil, insbesondere einkommensschwache Haushalte müssen unbedingt – hier hat die Bundesregierung erste Schritte unternommen – Unterstützung erhalten, und zwar in der Form von verbrauchsunabhängigen Transferzahlungen. Senkungen der Steuer auf Benzin und Diesel sind in dieser Hinsicht wenig zielführend. Für besonders stark von den hohen Energiepreisen betroffenen Unternehmen gibt es bereits das Instrument des Kurzarbeitergeldes. Es trägt erheblich dazu bei, dass das Knowhow in den Unternehmen bleibt und bei einer Beruhigung der Lage die Produktion rasch wieder aufgenommen werden kann. Auch andere Überbrückungshilfen sind bereits erprobt worden und müssten gegebenenfalls wieder zur Anwendung kommen. Besonders geeignet ist beispielsweise der Verlustrücktrag. So können Unternehmen Verluste im laufenden Jahr mit Gewinnen aus den beiden Vorjahren verrechnen und steuerlich entsprechend entlastet werden. Ziel der Warpspeed-Operation muss es sein, innerhalb von zwei Jahren andere Energiequellen (Produktion und Import) soweit auszubauen, dass auch die relativ energieintensiven Branchen in Deutschland ihren Standort behalten können. Ein erheblicher Beitrag ist dabei von den Unternehmen selber zu erwarten. Am Ende dieses nie zu Ende gehenden Prozesses werden einige Firmen auch abwandern oder aufgeben. Das wird aus der Sicht der betroffenen Unternehmen und Arbeitnehmer:innen schmerzhaft, gehört jedoch zum Funktionieren einer Marktwirtschaft dazu. Wertschöpfungsnetze statt Wertschöpfungsketten Ganz offensichtlich geht es aber keineswegs nur um mögliche Knappheiten bei Erdgas. Neben Erdöl und Kohle sind viele Unternehmen auch auf Industriemetalle, Industriegase, Düngemittel und Agrarrohstoffe angewiesen, die häufig zu einem erheblichen Teil in der Vergangenheit aus Russland importiert wurden. Ganz generell müssen Unternehmen ihre globalen Wertschöpfungsketten geografisch breiter aufstellen. Statt auf ein oder zwei sollte man auf vier oder fünf Zulieferer pro Vorleistung setzen. Darüber hinaus sollten Lagerbestände von kritischen Gütern erheblich erhöht, Notfallpläne laufend überarbeitet und mehr Ressourcen für die Marktanalyse einschließlich der politischen Entwicklungen eingesetzt werden. Unternehmen werden auch in Zukunft global agieren, in Auslandsmärkten aktiv sein und international Güter beschaffen. Die dafür notwendigen Wertschöpfungsketten müssen jedoch stabiler werden, es müssen Wertschöpfungsnetze werden, sodass der Bruch einzelner Knotenpunkte durch andere Verbindungen ersetzt werden kann. Das ist die neue Form der resilienten Globalisierung.

Dr. Cyrus de la Rubia

Chefvolkswirt und Head of Research

Telefon: +49 160 90180792
Zum Kontaktformular