Der Wochenkommentar

Ether auf dem Weg zur globalen Währung

September 2022 Ethererum wird revolutioniert und mit ihr der Finanzsektor.
Ein Kommentar von Dr. Cyrus de la Rubia

Dr. Cyrus de la Rubia

Beacon chain, sharding, Proof-of-Stake, ich verstehe kein Wort. Dabei beschreiben diese Begriffe die Revolution, die in der Blockchain-Welt im Gange ist und den Finanzsektor disruptieren dürften. Mit der für Mitte September terminierten grundlegenden Umstellung der Ethereum-Blockchain werden die Voraussetzungen geschaffen, um dezentralen Geschäftsmodellen im Finanzbereich, dem Decentralized Finance-Sektor (DeFi), zum Durchbruch zu verhelfen. Für traditionelle Kreditinstitute könnte es mittel- bis langfristig ungemütlich werden, sollten sie diese Entwicklung verschlafen. Und es dürfte sich eine neue globale Währung etablieren, Ether, die native Währung der korrespondierenden Blockchain.

Aber der Reihe nach. Die Ethereum-Blockchain ist im Grunde genommen eine Art Basistechnologie. Ähnlich wie Strom, das Internet oder KI lässt sie sich für ganz unterschiedliche Zwecke verwenden und hier nehmen DeFi-Geschäftsmodelle eine prominente Stellung ein. In diesem Bereich wird die Ethereum-Blockchain bereits eingesetzt, um dezentral agierende Asset-Manager, Kreditvermittler, Handelsplätze, Versicherungen und Zahlungsverkehrsdienstleister aufzubauen. Das Besondere an ihnen: Die Geschäftsmodelle sind nichts anderes als eine Sammlung von Codes, die auf der Blockchain programmiert sind – die sogenannten Smart Contracts – und sie machen teure Intermediäre überflüssig.

Das Problem mit der Skalierbarkeit

Ganz umsonst sind die Aktivitäten auf dieser Blockchain jedoch nicht, denn für jede Transaktion, die auf dem Netzwerk durchgeführt wird – sei es etwa die Implementierung eines Smart Contracts oder die Nutzung einer DeFi-Dienstleistung – müssen Bruchteile von Ether eingesetzt werden, um die Betreiber der Blockchain zu entlohnen. Und hier liegt das Problem. Denn die Ethereum-Blockchain drohte zum Opfer des eigenen Erfolgs zu werden. Die Transaktionsgebühren schwanken sehr stark und können bis zu mehreren hundert Euro betragen. Das liegt an der Nicht-Skalierbarkeit der Ethereum-Blockchain, so dass in Zeiten hoher Nachfrage nach Transaktionen die Gebühren dramatisch ansteigen. Die Validierung der Transaktionen erfolgte bislang außerdem durch das energieintensive Lösen von kryptografischen Rätseln, dem so genannten Mining in Form des Proof-of-Work-Verfahrens. Der Energieverbrauch zum Betreiben der Ethereum-Blockchain entspricht derzeit dem Stromverbrauch von Finnland. Dieser Umstand machte die Ethereum-Blockchain aus Klimaschutzgründen zusätzlich angreifbar.

Umstellung steht kurz bevor

Nunmehr aber steht ein Kurswechsel bevor. Mitte September wird, wenn alles nach Plan läuft, die Ethereum-Blockchain vom Proof-of-Work-Verfahren auf das Proof-of-Stake-Verfahren umgestellt. Letzteres ist eine Methode, bei der die Teilnehmer, die die Richtigkeit von Transaktionen feststellen (die Validatoren), eine bestimmte Menge an Ether in einem als Treuhänder fungierenden Smart Contract auf der Blockchain deponieren. Durch ein Zufallsprinzip wird alle 12 Sekunden einer der Validatoren ausgewählt, um einen neuen Block von Transaktionen zu wählen und zu validieren. Als Belohnung für diese Aktion erhalten die Validator:innen jeweils einen im Protokoll festgelegten Betrag in Ether. Die Auswahl der Transaktionen wird von den anderen Blockchain-Teilnehmer:innen überprüft und wenn sich herausstellt, dass betrügerische Transaktionen genehmigt wurden, werden die von dem Validator deponierten Ether eingefroren. Bei 32 Ether – das ist die Menge an Ether, die deponiert werden muss und es entspricht bei einem Etherkurs von 1.500 Euro 48.000 Euro – ist dies ein starker Anreiz, die Validierung sorgfältig durchzuführen und auf Betrug zu verzichten.

99,95% weniger Energie

Anders als beim Proof-of-Work-Verfahren ist für das Proof-of Stake-Verfahren keine besondere Rechenleistung notwendig und der Energiebedarf ist minimal. Die Ethereum-Stiftung sagt, dass das Verfahren mehr als 99 % an Energie einspart.

Die Umstellung des Verfahrens erfolgt, indem die zu diesem Zweck bereits 2020 aufgebaute Beacon chain, die auf dem Proof-of-Stake-Verfahren beruht, mit der existierenden Ethereum-Blockchain fusioniert wird. Daher wird das Ereignis auch gerne als „The Merge“ angekündigt.

Revolution im Finanzsektor wird an Fahrt aufnehmen

Diese Umstellung, auf die man seit vielen Jahren hinarbeitet und die immer wieder verschoben wurde, ist bahnbrechend. Denn nur so wird es im nächsten Jahr möglich sein, die Skalierbarkeit der Ethereum-Blockchain zu erhöhen und die Transaktionskosten auf ein Minimum zu senken. Verkürzt gesagt geschieht dies, in dem die Validatoren nur kleinere Einheiten der Blockchain überprüfen müssen. Die dafür notwendige Aufteilung der Blockchain nennt sich Sharding. Dadurch wird es möglich sein, die Skalierbarkeit der Ethereum Blockchain um ein Vielfaches zu erhöhen. Und damit dürfte die Revolution im Finanzsektor an Fahrt aufnehmen. Denn die Skalierbarkeit und die Reduktion der Transaktionskosten wird es ermöglichen, dass sich auf einmal zehntausende von Geschäftsmodellen rechnen, die bislang von traditionellen Finanzinstituten zu günstigeren Bedingungen angeboten werden konnten.

Ether ist Geld

Die Währung Ether dürfte unter diesen Umständen als Zahlungsmittel global an Bedeutung gewinnen. Ether ist bereits jetzt eine Währung, die als Zahlungsmittel benötigt wird, um bestimmte digitalisierte Dienste auf der Ethereum-Blockchain zu erwerben bzw. um Smart Contracts dort zu implementieren. Auch für die Tokenisierung von Vermögenswerten – also die Aufteilung von Assets in kleine digitale Einheiten, wodurch diese handelbar werden – ist die Ethereum-Blockchain die erste Wahl, und diese Dienstleistung kann ebenfalls nur mit Ether erworben werden. Ether ist daher ein Zahlungsmedium bzw. Geld. Da Ethereum international eingesetzt wird, wird Ether durch den „Merge“ und die weiteren Schritte in Richtung Skalierbarkeit eine wahrhaft globale Währung.

Dr. Cyrus de la Rubia

Chefvolkswirt und Head of Research

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