Der Wochenkommentar

Führt das Erdölembargo zu einer neuen Erdölkrise? Nein.

Mai 2022 Die EU ist dabei, ein Erdölembargo gegen Russland zu beschließen. Das ist weder leichtsinnig, noch ist zu befürchten, dass Russland ohne Weiteres auf andere Abnehmer wird ausweichen können. Russland wird allerdings auch in Zukunft eine wichtige Rolle an den Ölmärkten spielen.

Dr. Cyrus de la Rubia

Die EU ist dabei, ein Erdölembargo zu beschließen und die Erdölpreise reagieren kaum auf diese Nachricht. Was ist da los? Wie dürften die mittel- bis langfristigen Folgen eines Embargos aussehen? Und hat Wirtschaftsminister Robert Habeck recht mit seiner Befürchtung, dass es zu einem Szenario kommen könnte, in dem die Erdöleinnahmen Russlands bei einem Embargo sogar steigen könnten?

Zunächst die Faktenlage. Russland ist neben den USA und Saudi-Arabien einer der wichtigsten Anbieter am Erdölmarkt und hat einen globalen Marktanteil von etwa 11 %. Das entspricht rund 11 Millionen Barrel/Tag, von denen bislang etwa die Hälfte in die EU in Form von Rohöl und Ölprodukten wie etwa Diesel verkauft wurden. Aus der Sicht der EU sind das rund ein Viertel des eingeführten Rohöls bzw. der Ölprodukte. Die Abhängigkeit der einzelnen EU-Länder ist sehr unterschiedlich. Während beispielsweise die Slowakei und Ungarn im vergangenen Jahr 74 % bzw. 44 % ihrer Ölimporte aus Russland bezogen haben, sind es in Frankreich, Italien und Spanien jeweils nur 11 bis 12 % gewesen. Deutschland hat seine Abhängigkeit innerhalb weniger Monate von etwa 30 % auf – so die Angaben des Wirtschaftsministeriums – 12 % reduzieren können.

Auf die Ausgestaltung des Embargos kommt es an

Fest steht auf jeden Fall, dass ein Wegfall russischen Erdöls auf dem Weltmarkt grundsätzlich zu erheblichen Preisanstiegen führen kann. Die Frage ist, wie sich die Nachfrage entwickelt, welche anderen Anbieter für Russland einspringen könnten und ob und in welchem Ausmaß russisches Erdöl im Fall eines Embargos tatsächlich global weniger zur Verfügung stünde. Letzteres wiederum hängt von der Ausgestaltung des Ölembargos ab. In dieser Hinsicht ist mittlerweile ein Entwurf der EU-Kommission bekannt geworden. Innerhalb von sechs Monaten soll kein Rohöl mehr in die EU importiert werden dürfen. Nach acht Monaten gilt das Verbot auch für Ölprodukte. Die Slowakei und Ungarn sollen erst 2023 auf russisches Erdöl verzichten müssen.

Mühsame Suche nach neuen Abnehmern

Die relativ lange Übergangsperiode soll den EU-Ländern helfen, sich neue Lieferanten zu suchen und möglichst ohne die Verletzung bestehender Verträge die Geschäftsbeziehungen mit russischen Erdölunternehmen zu beenden. Dies dürfte die konjunkturellen Auswirkungen in Grenzen halten, solange die Preisanstiege limitiert sind. Gleichzeitig hilft die lange Übergangsfrist natürlich auch Russland, neue Abnehmer zu finden, die sich nicht an den Sanktionen beteiligen. Allerdings wird das kein leichtes Unterfangen. China nahm zwar schon bisher rund 30 % des russischen Erdöls ab, was eine weitere Steigerung nahelegt, zumal das russische Erdöl mit einem Abschlag von bis zu 35 US-Dollar/Barrel gegenüber Brent gehandelt wird und China offensichtlich über die Raffinerien verfügt, die russisches Erdöl gut verarbeiten können. Jedoch gibt es bei eben diesen Raffinerien aus Furcht vor Sanktionen offensichtlich eine gewisse Zurückhaltung, wenn es um den Abschluss neuer Verträge mit Russland geht. Indien ist ein anderer Kandidat, der stärker von Russland beliefert werden könnte. 2021 hat das Land lediglich 1,2 % der russischen Erdölexporte abgenommen. In den vergangenen Wochen hat man offensichtlich die Einfuhren massiv gesteigert. Aber selbst wenn man in einem Kraftakt das Volumen auf 10 % der russischen Erdölexporte erhöhen würde, wäre das immer noch nur ein unzureichender Ersatz für den Wegfall der Nachfrage aus der EU.

Auf die übrigen bisher wichtigen Abnehmerländer russischen Erdöls – das sind die USA, Großbritannien, Südkorea und Japan – wird Russland nicht setzen können, da diese Länder entweder bereits Sanktionen ausgesprochen haben oder zumindest nicht ihre Abnahmemengen wesentlich erhöhen werden. Die Türkei könnte seine Einkäufe von 2 % der russischen Exporte sicherlich erhöhen und an andere Länder weiterleiten, ohne jedoch die Lücke auch nur annähernd zu schließen. Russland muss also auf Vertriebstour gehen und bei vielen kleinen Volkswirtschaften anklopfen. Das ist mühsam, teuer und wird mit noch höheren Abschlägen auf das russische Erdöl erkauft werden müssen. Kurzfristig dürfte Russland auf ein paar Millionen Barrel pro Tag sitzen bleiben. Das gilt umso mehr, je effektiver Tanker, die russisches Erdöl transportieren wollen, behindert werden, sei es durch Verbote für bestimmte Routen, Einfahrtverbote in Häfen oder die Sanktionierung von Versicherungsunternehmen, die derartige Tanker unter Vertrag nehmen. Dennoch gilt: Mit der Zeit dürfte Russland angesichts seiner enormen Ausdehnung, den unkontrollierbaren Grenzen im Süden und Zugängen zum Pazifik mehr und mehr Schlupflöcher finden und – vermutlich anders als der Iran – nach einem zwischenzeitlichen Einbruch seine Erdölexporte auf einem relativ hohen Niveau halten können, also bei möglicherweise 85 % des derzeitigen Volumens.

Für die Preisentwicklung wird es dabei kurzfristig auf die Nachfrage ankommen, mittel- bis langfristig aber auch auf die potenziellen Ölgiganten Venezuela und den Iran. Auch die US-Fracking-Industrie spielt eine Rolle.

Nachfragesituation und das R-Wort

Die Nachfragesituation wird derzeit bestimmt von Sorgen um die konjunkturelle Lage in China, das wegen der verfehlten Null-Covid-Strategie in eine Stagnation abzugleiten droht, während in den USA die Befürchtung wächst, die Fed könne durch ihre geplanten Zinserhöhungen die Wirtschaft zu scharf abbremsen. In der EU wiederum hängt es vor allem an der Frage eines Gasembargos, ob die Wirtschaft in diesem bzw. im nächsten Jahr noch wachsen wird. Die Aussichten für eine höhere Erdölnachfrage sind angesichts dieser Risiken also gedämpft und das sollte helfen, eine Explosion der Erdölpreise zu verhindern. Das bedeutet keinesfalls, dass es nicht kurzfristig zu einem Anstieg der Erdölpreise auf 120 oder 130 US-Dollar/Barrel kommen könnte. Eine Preisexplosion sähe jedoch anders aus und müsste mit Preisen von 200 US-Dollar/Barrel und mehr assoziiert werden.

Die Parias von gestern sind die Lieferanten von morgen

Der Iran und Venezuela haben im Jahr 2005 noch 2,7 bzw. 2,2 Mio. Barrel Rohöl pro Tag exportiert. Das ist im Zuge der Sanktionen auf einen Bruchteil zusammengeschrumpft. Es gibt jetzt von den USA Bemühungen, die Beziehungen mit diesen Ländern wieder zu normalisieren und die Sanktionen zu lockern. Sollte das gelingen, wird es jedoch ein paar Jahre dauern, bis diese Länder wieder vollumfänglich lieferfähig sind. Denn nicht nur die Exporte, sondern auch die Erdölförderung ist massiv heruntergefahren worden und lässt sich angesichts der fehlenden Investitionen nicht von heute auf morgen wieder beleben. Bei einem Wegfall der Sanktionen dürften die Länder zusammen innerhalb von zwölf Monaten im optimistischsten Fall 1,5 Mio. Barrel/Tag exportieren können, was etwa einer Verdreifachung der bisherigen Exportmengen entsprechen würde. Eine Entlastung für die Rohölmärkte würde dies allemal bedeuten. Kurzfristig kommt auch Entlastung durch die USA. Die Fracking-Industrie hat in den letzten Monaten die Anzahl der Ölbohranlagen wieder etwas hochgefahren, so dass zuletzt insgesamt 11,9 Mio. Barrel/Tag an Rohöl gefördert wurden. Das sind 900 Tausend Barrel/Tag mehr als im Durchschnitt des vergangenen Jahres und damit ein erhebliches Volumen. Dazu kommen noch Rohöl und Ölprodukte von rund 1 Million Barrel pro Tag, die die US-Regierung für insgesamt sechs Monate am Markt verkauft, und die aus der strategischen Reserve stammen. Dass die OPEC – sie tagt am 05.05. – in einem größeren Ausmaß zu Hilfe kommt, ist nicht anzunehmen. Schließlich ist Russland der wichtigste Partner in der erweiterten OPEC-Plus und da möchte Saudi-Arabien nicht in den Verdacht geraten, die Situation auszunutzen, um auf Kosten Russlands Marktanteile zu gewinnen.

Insgesamt ist festzustellen, dass bei der derzeit geplanten Ausgestaltung des Erdölembargos gegen Russland die Erdölpreise vermutlich nur moderat steigen werden und diese Preissteigerungen nicht reichen dürften, um Russland am Ende mehr Einnahmen zu bescheren. Dafür sollten niedrigere Absatzmengen und ein dauerhafter Preisabschlag auf russisches Erdöl sorgen. Das spricht auch dafür, dass die konjunkturellen Auswirkungen für die Weltwirtschaft handhabbar bleiben werden, zumal – anders als beim Erdgas – kaum mit Mengeneinschränkungen zu rechnen ist. Eine Erdölkrise à la 1970er Jahre wird sich daher unseres Erachtens nicht wiederholen.

Dr. Cyrus de la Rubia

Chefvolkswirt und Head of Research

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